Kultur : Auf Augenhöhe

Jetzt mit Anbau: Die Galerie für zeitgenössische Kunst ergänzt Leipzigs Kulturoffensive

Nicola Kuhn

„Leipzig kommt!“, lautete vor sechs Jahren eine Imagekampagne, mit der sich die sächsische Metropole Beine machen wollte. Zeitgleich eröffnete die Galerie für zeitgenössiche Kunst in einer umgebauten Gründerzeitvilla, als Zeichen des Aufbruchswillens. Hier hatte man sich alter Leipziger Tugenden besonnen und den Bürgerstolz als Motor zur Gründung eines Museums aktiviert. Das hat in Leipzig Tradition, denn das 1837 gegründete Museum der bildenden Künste geht auf Bürger-Schenkungen zurück, allen voran die Sammlung Maximilian Speck von Sternburg. Auch die Galerie für zeitgenössische Kunst gründet auf einer BDI–Schenkung von 51 Gemälden .

Leipzig leuchtet, heißt es nun. Denn das Museum der bildenden Künste hat endlich sein Domizil gefunden und die Galerie für zeitgenössiche Kunst einen spektakulären Anbau erhalten, nachdem die Herfurthsche Villa zu eng geworden war. Die Übergabe beider Häuser innerhalb einer Woche ist zwar terminlich ein Zufall – aber doch bezeichnend. Selbst in Zeiten größter wirschaftlicher Bedrängnis versucht die Stadt mit Kultur gegenzuhalten. Die Doppel-Eröffnung ist ein Signal, mit dem gerade auf dem Gebiet der Kunst wieder eine Vorreiterrolle besetzt werden soll.

Der Galerie ist diese Aufgabe per se eingeschrieben. Hier werden jüngste Produktionen gezeigt, hier müssen sich die Künstler – zumal beim Osteuropa-Schwerpunkt – im zeitgeschichtlichen Kontext bewähren. Der vom Berliner Architekturbüro Grundei, Kaindl, Teckert für 2,5 Millionen Euro auf das Nachbargrundstück gesetzte Anbau ist da ein Statement in eigener Sache. Der avantgardistische Pavillon auf zehneckigem Grundriss öffnet die Galerie durch großzügige Fassaden zur Straße hin; im Innneren kann die Raumkonstellation durch Schiebewände variiert werden. Nichts bleibt, wie es ist, will die Architektur sagen, während die Kunst auf 1000 Quadratmetern die jüngsten politischen Veränderungen zu begreifen versucht – wie in den Eröffnungsausstellungen über „Balkan-Urbanismus“ und Utopien der sozialistischen Moderne.

Der neue Pavillon ist ein Coup, nicht nur architektonisch. Er ist auch ein Glücksfall für die Galerie, die für den vom Hausarchitekten Peter Kulka zum zehnfachen Preis geplanten Anbau niemals die Mittel zusammenbekommen hätte. Für den weitaus günstigeren Entwurf des Nachwuchsbüros konnten aus dem Topf investiver Maßnahmen die nötigen Gelder genommen werden, bevor die Galerie aus der Trägerschaft von Stadt, Land, Förderkreis entlassen und in eine Stiftung übertragen wurde. Die Betriebskosten der kommenden beiden Jahre übernimmt Arend Oetker, der als Vorsitzender des BDI-Kulturkreises bereits bei der Galeriegründung Pate stand.

Mit der zeitgleichen Eröffnung des Museums der bildenden Künste zeigt sich, dass sich beide Häuser bestens ergänzen. Vor zwei Jahren war in der Galerie die große Neo-Rauch-Ausstellung zu sehen, von der etliche Werke nun im „Heldensaal“ des Bildermuseums neben Arbeiten des westdeutschen shooting stars Daniel Richter hängen. Ebenso wie sich das Bürgermuseum bei seiner Gründung im 19. Jahrhundert auf Augenhöhe mit seiner Zeit befinden wollte , versucht das Haus zumindest punktuell aufzuschließen. Immer wieder schieben sich aktuelle Positionen in die chronologische Hängung.

Auf Joseph Anton Kochs Alpengemälde von 1811 erwidert die Bergpanorama-Installation Stephan Hubers, eine Wandzeichnung Daniel Roths umspielt zart Joos de Mompers Gemälde „Bergsee bei Mondschein“ aus dem 17. Jahrhundert. Überraschend fügen sich die fülligen Leiber Jupiters und Junos des Barock-Bildhauers Balthasar Permoser zu einer Arbeit des Konzeptkünstlers Klaus Rinke. Museumsdirektor Schmidt weiß um die Lücken seiner Sammlung, zumal im 20. Jahrhundert. Deshalb versucht er mit der neuen Leipziger Malerschule – auf dem zeitgenössischen Markt der letzte Schrei – aufzuholen und widmet den Adepten die erste Wechselausstellung. Womit er an beste Leipziger Tradition anknüpft: sich seiner eigenen Kräfte zu versichern.

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