Kultur : Auf Augenhöhe

Nofretete und die Schrift: Berlin feiert seine einzige Königin

Ulrich Clewing

Um 21.50 Uhr erreichte die kostbare Fracht am Montagabend das Kulturforum. Als sie eine halbe Stunde später den vorgesehenen Platz eingenommen hatte, brandete spontan Applaus auf. Das war der Moment, an dem der Museumsdirektor Dietrich Wildung glaubte, Zeuge der Entstehung eines neuen Kunstwerkes zu sein: „Was Sie hier sehen, ist die bedeutendste Neuerwerbung des Ägyptischen Museums in den letzten vierzig Jahren.“

Das ist vielleicht etwas euphorisch formuliert und auch historisch nicht korrekt, aber in einem muss man Wildung zustimmen. Am neuen – vorübergehenden – Aufstellungsort kommt die Nofretete auf eine Weise zur Geltung, die den Abschied vom alten Ägyptischen Museum am Schloss Charlottenburg erheblich erleichtert. Endlich hat sie die beengten räumlichen Verhältnisse hinter sich gelassen, können die Besucher sie in weiteren Bögen umkreisen – und vor allem: ihr von Angesicht zu Angesicht ins (eine) Auge schauen. Denn im Unterschied zur Präsentation im östlichen Stüler-Bau, in den nun die Sammlung Scharf/Gerstenberg mit Kunst von 1800 bis zum Surrealismus einziehen wird, steht die Nofretete in der Sonderausstellungshalle am Kulturforum auf einem um ein paar entscheidende Zentimeter höheren Sockel. So braucht man sich nicht mehr herabzu- beugen, um sie zu betrachten, was den Kunstgenuss deutlich steigert.

Die berühmte Büste der schönen Pharaonengattin befindet sich im Zentrum einer Ausstellung, die das Interim zwischen Auszug aus dem alten und Einzug in das neue ägyptische Museum auf der Museumsinsel (auch hier vorübergehend: im Obergeschoss des Alten Museums) überbrücken helfen soll und den reißerischen Titel „Hieroglyphen! Der Mythos der Bilderschrift von Nofretete bis Andy Warhol“ trägt. Dafür wurden aus den Beständen der Staatlichen Museen Stücke zusammengetragen, die offenbar nur eine einzige Voraussetzung zu erfüllen hatten. Sie mussten irgendeine Verbindung zu Hieroglyphen, generell zu Schriftzeichen, Symbolen, abstrakten Kürzeln aufweisen.

Herausgekommen ist dabei eine wilde Mischung von Dingen, die man in so enger Nachbarschaft bisher noch nicht gesehen hat – und das aus gutem Grund. Constantin Brancusis schlanke, atemberaubend elegante „Vogel“-Skulptur mag tatsächlich an einen bildhaften Buchstaben erinnern. Albrecht Dürers Holzschnitt der „Ehrenpforte Kaiser Maximilians I.“ von 1515 ist realiter um einiges monumentaler als gedacht und offenbart des Herrschers Neigung, seine Abstammung bis auf den mythischen Hercules Aegypticus, den Sohn des Gottes Osiris, zurückzuführen.

Für sich genommen sind das alles exquisite Arbeiten, die Bruegels und Klees, die Piranesis und Twomblys, in der Kombination jedoch kratzen sie bestenfalls oberflächlich an einer per se schon vagen Ägypten-Rezeption. In diesem bunten Durcheinander gibt es eigentlich nur ein Beispiel für eine wirklich gelungene Gegenüberstellung von Vergangenem und Gegenwärtigem. Verfolgt man die Blickrichtung der Nofretete, entdeckt man über dem Eingangsportal den Neonschriftzug „Every Art has been contemporary“. Es ist ein Werk Maurizio Nanuccis, mit dem der italienische Künstler ausdrücken möchte, dass das, was wir inzwischen als alte Kunst empfinden, zu einem bestimmten Zeitpunkt so jung war wie die aktuellste Kunst heute.

Interessanter ist der zweite Teil der Ausstellung, der sich konkret mit der Entstehung und Erforschung der ägyptischen Hieroglyphen beschäftigt. Dabei handelt es sich um eine Übernahme vom Museum Ägyptischer Kunst in München, dessen Direktorin Sylvia Schoske praktischerweise die Ehefrau von Dietrich Wildung ist. Dort wird anhand von Originalen aus München und Berlin, mit aufwendigen Tonbandproben und Quellen aus der Neuzeit eine Geschichte erzählt, die so spannend ist wie ein Kriminalroman.

Die altägyptischen Schriftzeichen waren die längste Zeit ein unlösbares Rätsel, das Generationen von Gelehrten zur Verzweiflung trieb. Erst ein Zufall brachte Bewegung in die Angelegenheit: 1798 stieß ein Offizier der napoleonischen Truppen in Ägypten auf einen Stein, der in zwei Sprachen ein und denselben Text wiedergab. Da eine der Sprachen Griechisch war, konnte der Rest unter großen Mühen nach und nach übersetzt werden. Der Name des Übersetzers lautet Jean-Francois Champillion und hat ebenso Ewigkeitswert erlangt wie der Name seines Forschungsobjektes. Seit seiner Akquisition 1802 wird der Rosetta-Stein im Britischen Museum verwahrt. Doch auch die Nachbildung, die in Berlin zu sehen ist, genügt, um einen Hauch Weltgeschichte durch die Ausstellungsräume am Potsdamer Platz wehen zu lassen.

Sonderausstellungshallen am Kulturforum, bis 2. August, Katalog 16,90 Euro.

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