Kultur : Auf dem Feldherrnhügel des Feuilletons

WILLI JASPER

Heinrich Heine war davon überzeugt, daß es einen explosiven Zusammenhang von Nationalcharakter und "maskuliner" Aufbruchsenergie gebe, daß eine Kampfeslust" existiere, "die nicht kämpft, um zu zerstören noch um zu siegen, sondern bloß um zu kämpfen".Je länger der Bombenkrieg auf dem Balkan dauert, je unklarer das politische Ziel wird, desto mehr wächst die Kampfeslust der geistigen Befürworter einer Eskalation.Längst geht es nicht mehr nur um die Entsendung von Bodentruppen nach Serbien, der Feind muß auch im eigenen Land bekämpft werden.

Im Feuilleton des Tagesspiegel vom 24.April hat Richard Herzinger die Spitze des Feldherrnhügels erklommen und wittert dort oben den "Modergeruch von Leichenteilen".Gemeint sind nicht massakrierte Kosovo-Albaner oder verkohlte serbischen Zivilisten - nein, die riecht man nicht in so luftiger Höhe.Es geht um das historische Aroma von "Leichenteilen der Totalitarismen des 20.Jahrhunderts", ein ideologischer Duft, der den "Schulterschluß" des Monsters Milosevic mit seinen "fünften Kolonnen", den deutschen NATO-Gegnern, umwehe.Während die PDS und der romantische Serbienfreund Handke als vogelfrei gelten, beruft sich Herzinger beim Denunzieren prominenter Kriegsgegner auf das FAZ-Verdikt des Mandarins Hans Magnus Enzensberger.Unter solcher Schirmherrschaft outet er reihenweise Milosevic-Kollaborateure.Seine schwarze Liste reicht von Alice Schwarzer und Walter Jens bis Helmut Schmidt und Peter Scholl-Latour, sie erfaßt "selbst so luzide Köpfe" wie den Soziologen Ulrich Beck.Einig sei sich diese "seltsame Allianz" nicht nur in der verstockten Ablehnung der NATO-Bomben, sondern auch in einem "euronationalistisch motivierten Antiamerikanismus".Und während der schamlos die Moral instrumentalisierende Verteidigungsminister Scharping den Kosovo mit Auschwitz vergleicht, während er erklärt, die Nato verteidige die Menschenrechte gegen den serbischen Hitler, fühlt Außenminister Fischer sich als spanischer Volksfrontgeneral: "Wir führen keinen Krieg, wir leisten Widerstand, verteidigen Menschenrechte, Freiheit und Demokratie.Mit fällt dazu die spanische Widerstandskämpferin `La PassionariaÔ ein.`No pasaranÔ hieß die Kampfparole der Republikaner gegen das Franco-Regime - die Faschisten kommen nicht durch." ("Spiegel" vom 19.4.99) Die Bombardierten aber werden wohl eher an die Legion Condor denken.Noch näher liegt die Erinnerung an den April 1941, als die deutsche Luftwaffe, damals alliiert mit Italien, Ungarn und Bulgarien, in Belgrad und Umgebung fast dieselben "strategischen Ziele" attackierte, die heute auf der NATO-Liste stehen.Nach der Besetzung Belgrads wurden neunzig Prozent der Juden ermordet.Zeitgleich übernahm in Kroatien die Ustascha die Macht und wütete grausam gegen die serbische Minderheit.Eine halbe Million Serben wurde ermordet, eine Viertelmillion vertrieben, 200 000 gezwungen, zum Katholizismus überzutreten.Mit Hilfe der Deutschen und Italiener entstand damals auch vorübergehend ein großalbanisches Reich - mit der Annektion des Kosovo und Teilen von Mazedonien, Montenegro und Griechenland.Die "Enzyklopädie des Holocaust" nennt die Völkermordaktionen gegen die Serben "eine der schändlichsten Episoden des Zweiten Weltkriegs".

Die Erinnerung an die serbischen Opfer des Zweiten Weltkrieges kann nicht die gegenwärtigen Massaker und Vertreibungsaktionen entschuldigen.Doch das Bild vom Opfer, das zum Täter wird, erklärt nicht die blutige Eskalation im Balkan und die mythische Bedeutung des Kosovo.Seit dem Widerstand gegen die osmanische Herrschaft wurde der Kosovo-Mythos zur wechselseitigen Legitimations-Ideologie der serbischen wie albanischen Nationalbewegungen.Die Metapher vom Kosovo als heiligem Territorium ist keine Kreation eines Milosevic.Auch frühere serbische Oppositionsführer denken ähnlich.Am moderatesten gegenüber den Albanern hat sich noch das Tito-Regime erwiesen.Nach Absetzung des großserbischen Fanatikers Rankovic als Innenminister, suchte Tito im Kosovo eine jugoslawisch orientierte albanische Führung zu etablieren.Das Ergebnis war eine Verdrängung der Serben: Bis Anfang der 80er Jahre sollen 100 000 Serben den Kosovo verlassen haben.So meldete die "Frankfurter Rundschau" am 8.10.84: "Jeder zweite Ort ist schon rein albanisch." Die rassistische Parole vom "ethnisch reinen Kosovo" ist also keinesfalls eine serbische Erfindung.

Sollte es der NATO gelingen, den Kosovo mit Apache-Hubschraubern für die UCK freizukämpfen, werden ihre Apologeten ein neues Problem haben.Die UCK ist keine albanische Menschenrechtsbewegung, sondern überwiegend eine Mischung aus großalbanischen Nationalisten, Resten der Enver Hodscha-Riege und Mafia-Gruppen.Für die Zukunft des Balkan aber muß eine politische Lösung mit Ausgleich gegenseitiger Souveränitätsansprüche und ohne Hegemonialdiktate gefunden werden, und dazu waren weder westliche Politiker noch deren Medien-Claqueure in den letzten zehn Jahren bereit.Als Kanzler Schröder vor der Berliner Kulisse des neuen Reichstages in seiner Regierungserklärung den albanischen Dichter Kadaré instrumentalisierte und die "humanitäre Intervention" der NATO einen europäischen "Gründungsakt" nannte, äußerte allein Heribert Prantl in der "Süddeutschen Zeitung" sein "Erschrecken".

Hat Gregor Gysi nicht Recht, wenn er sagt, daß bisher keine Bombe einen Flüchtling gerettet hat? Im Gegenteil, mit den ersten Bomben ist auch das Flüchtlingselend explodiert.Diese Erkenntnis ist keine PDS-Ideologie.Wenn es wirklich in erster Linie um eine "humanitäre Aktion" gegangen wäre, dann hätte man sich organisatorisch und materiell darauf einstellen müssen.Wie heuchlerisch die europäische Kriegsmoral ist, zeigt sich darin, daß man nicht wirklich bereit ist, die Flüchtlinge aufzunehmen.Die Kriegskosten eines einzigen Tages übersteigen bei weitem die gesamten finanziellen Hilfsmittel, die die NATO-Länder bisher für Flüchtlingslager ausgaben.Statt eines effektiven cordon sanitaire hat man lediglich Meinungskorridore in den Medien errichtet.Dazu gehörte auch die mangelnde Informatin über den geheimen Zusatz des Rambouillet-Ultimatums.Er enthielt Forderungen zur Einschränkung der staatlichen Souveränität Serbiens, auf die kein Belgrader Politiker hätte eingehen können: Das war von vornherein so geplant, und Parallelen zum Ultimatum von 1914 sind verblüffend.Das Attentat von Sarajewo war ein willkommener Anlaß, endlich ganz Serbien zu "züchtigen", wie es damals hieß.Heute spricht man von "Luftschlägen".Staatschef Milosevic verkörpert heute höchstpersönlich das Reich des Bösen.Seit wann ist er endgültig zum Balkan-Monster mutiert?

Vier Wochen vor Gysis "Hochverrat" hat Joseph Fischer als deutscher Außenminister mit dem Serbenführer noch höflich-diplomatisch parliert.Herzinger zitiert auf seinem Feldherrnhügel nicht den Tornister-"Faust", sondern ein modernes "Schwarzbuch".Er hat erkannt: Milosevic ist nicht Hitler, sondern Stalin! Der Serbenführer sei kein Faschist, sondern ein "gelernter Marxist-Leninist" (also noch schlimmer?).

Mit diesem Paradigmenwechsel desavouiert Herzinger allerdings ungewollt die scheinheilige antifaschistische Moral von Scharping und Fischer.Die Amerikaner aber haben offensichtlich mit der NATO Größeres vor.Man will die Agonie der Russen zum Aufbau einer neuen Weltordnung nutzen.Dazu taugt die zahnlose UNO nicht.Wenn das, was auf dem Balkan vor sich geht, der "Gründungsakt" einer neuen Weltordnung ist, dann ist es zugleich eine Zerstörung der geltenden internationalen Rechtsordnung.Das System der Hegemonie erlaubt der Führungsmacht fortan in alleiniger Willkür Gesetze zu formen.Herzinger schwärmt schon jetzt vom weltweiten Faustrecht der NATO: "Hinter die Bereitschaft, den menschenrechtlichen Universalien notfalls auch gewaltsam Nachdruck zu verschaffen, darf westliche Politik jedoch nicht mehr zurückfallen."

Wie rasch sich intellektuelle Moden ändern, sieht man vor allem an der Diskussion in Frankreich.Noch vor kurzem hatten Intellektuelle vor universalmoralischen Menschheitsbeglückern gewarnt und allein die elitäre Apathie und ästhetische Distanz als standesgemäß gepredigt.Jetzt erobert sich ein neuer militanter Humanismus die Lufthoheit im Kulturbereich.Aber während die verachteten alten Humanisten noch selber "ritten und zuschlugen" (Heinrich Mann), erstellt man heute die militanten Tagesbefehle gefahrlos vom sicheren Hort des Feuilletons aus oder unterschreibt im literarischen Salon mit lässiger Geste Resolutionen für den Einsatz von Bodentruppen.Bleibt nur zu hoffen, daß sich die "Marktneuheit `Humanes BombenÔ" (Klaus Theweleit) als kurzlebiges Modeprodukt erweist.

Der Autor, Kulturwissenschaftler, ist Privatdozent an der Universität Potsdam und Mitarbeiter am Moses Mendelssohn Zentrum.Von ihm erschien vor kurzem die Studie "Faust und die Deutschen" (Rowohlt-Berlin Verlag).

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