Kultur : Auf dem Gehörgang

Kosmonautisch: Auftakt der MaerzMusik mit Rebecca Saunders’ „Chroma“ im Café Moskau

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Wenn ein Festival für aktuelle Musik zur Eröffnung in eine Clublocation lädt, dann ist das auch als Absage an übliche Klassik-Darreichungsformen zu verstehen, mit all ihren Ritualen, Geboten und damit verbundenen Müdigkeiten. Umso mehr verwundert der Auftakt zur MaerzMusik im Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee. Im weitläufigen Gebäudekomplex unter dem silbrig am Abendhimmel glänzenden Sputnik vollzieht sich alles hoch reglementiert und mit größter Kunstergebenheit. Es werden Zeitfenster geschaffen, Absperrungen errichtet und Programmbücher gestemmt. Eintrittskarten dürfen nicht ausgedruckt werden, solange ein Set im Obergeschoss erklingt, weil das leise Fiepen durch die Decke dringen und die Darbietung stören könnte. Du holde Kunst, manchmal wünscht man sich dich ein bisschen robuster, selbstsicherer und lässiger.

Denn eigentlich bietet Rebecca Saunders mit „Chroma“, ihrer Raumcollage für Kammerensembles, eine Befreiung des Hörers an. Die britische Komponistin mit Wohnort Berlin hat über acht Jahre hinweg ein Instrumentarium aus 22 Klangmodulen geschaffen, die sie in Gängen, Nischen, Sälen, Treppen und Aufzugkabinen verteilt. Das kann mal ein norwegisches Volkslied sein, das melancholisch mit 78 Umdrehungen in der Minute aus alten Schallrillen rinnt, ein Duo für futuristische Doppeltrichtertrompeten, ein Schwarm von Miniaturspieluhren oder aber ein Trio für Elektrogitarre, Cello und Klarinette. Der Zuhörer erwandert sich seine eigene Aufführung, die immer anders klingt, abhängig davon, wo man sich gerade befindet. Gut 35 Minuten dauert ein Durchlauf, sekundengenau synchronisiert wechseln die Musiker Plätze und Klangmaterial. Auf den Gängen schwimmen die Solisten der Musikfabrik und ihre Instrumente vorbei, der Kontrabass mit schützender Eskorte, der Schlagzeuger in Eile, weil er in wenigen Sekunden im Hof auf einen Röhrengong treffen soll.

Wer Glück und Zeit hat, kann dreimal durch das komplette Klanggeschehen tapsen – oder an den kühlen Glasfronten langsam zu Boden sinken, das Kino International im Rücken. „Klang und Bewegung“, das ist das Thema der MaerzMusik, die seit 10 Jahren unter dem Dach der Berliner Festspiele die Ohren spitzt. Dieses Jahr soll auch die Querverbindung zum Auge stimuliert werden, mit audiovisuellen Konzerten und neuen Kompositionen für alte Filme. Der Klang und seine Organisation geben ihre Omnipotenz auf. Saunders’ „Chroma“ stimmt darauf mit zarter Geste ein. Wer ohne zu verweilen durch die kosmonautisch getauften Passagen des Café Moskau streift, für den kann der Abend tatsächlich zu einem bewegenden Erlebnis werden.

Das Geräusch der Schritte komponiert dabei so etwas wie den Soundtrack des eigenen Lebens, der fortklingt, wenn das Licht der Notenpulte endgültig erloschen ist. Danach kann man bei der Sonic Arts Lounge im Souterrain „Glühlampenmusik“ knistern hören und einen zum Untergang verurteilten Begleiter unseres modernen Lebens noch einmal strahlen sehen. Oder weitergehen durch die Nacht - und gar nicht mehr wissen, wie man je wieder sitzend ein Konzert ertragen kann. Ulrich Amling

Bis zum 27. 3., an 17 Spielorten in Berlin, Informationen unter www.maerzmusik.de

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