Auf dem Grat : She & Him im Lido

Gerecht ist es nicht, aber irgendwie neigt man instinktiv dazu, andere Maßstäbe anzulegen, wenn sich branchenfremde Prominente an Popmusik versuchen.

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Beispielsweise bei She & Him, im Kern bestehend aus der Schauspielerin Zooey Deschanel und dem Songwriter Matt Ward. Auf zwei feinen Alben haben die beiden bewiesen, dass ihr sixtieslastiger Feelgood- Pop bestens funktioniert. Dennoch glaubt man, beim ersten Berlin-Auftritt des durch Bass, Schlagzeug, zweite Gitarre und Backgroundsängerinnen zum Septett erweiterten Duos ein gewisses Unwohlsein der Teilzeit-Sängerin Deschanel zu erahnen. Oder ist das nur das überaus kritische Auge des Betrachters? Würde man bei Indie-Sängerin XY den zusammengepressten Mund auch als Zeichen von Verspanntheit deuten? Würde man das etwas zu heftige rhythmische Aufstampfen begleitet von energischem Schellenkranzgeschüttel, überhaupt bemerken? Und ihre genervten Bitten, das Konzert nicht nur auf den Displays der Fotohandys zu verfolgen, auch als etwas überspannte Marotte interpretieren? Jedenfalls braucht es im ausverkauften Lido eine gute halbe Stunde, bis man das Gefühl hat, dass sie Spaß an der Sache haben könnte.

Dabei muss sich die 30-jährige Kalifornierin als Musikerin keineswegs verstecken. Die Gratwanderung zwischen dem Schmelz des Blue Eyed Soul und einer eher aus dem Country-Genre stammenden, an Dolly Parton erinnernden Schärfe beherrscht sie vorzüglich. Matt Ward spielt dazu eine agile, anfangs leider etwas in den Hintergrund gemischte Leadgitarre: Hawaiianisches, Texmex-Twang und Surf-Anleihen verbinden sich zur niemals aufdringlichen Solo-Kuvertüre. Wie präzise die Songs geschneidert sind, wird fast noch deutlicher, wenn sich Deschanel und Ward für das berückende „Home“ oder das elegisch schwebende „Take it back“ aufs Duoformat zurückziehen: Diese distinguierte Melancholie hat man seit den frühen Everything But The Girl nicht mehr gehört. Dafür zieht die Band im letzten Drittel merklich das Tempo an, Deschanel greift beherzt in die Tasten einer antiken Elektroorgel, schrummelt auf einer Ukulele herum und liefert sich beim Mitklatsch-Hit „Sweet Darlin’“ ein vierhändiges Tastenduell mit ihrem Partner. Und strahlt auf einmal sogar übers ganze Gesicht. Geht doch!

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