Kultur : Auf dem Kinderkarussell

Burri und Becher zum Auftakt: die Foto-Auktion bei Grisebach

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Größer denn je. Über einen Meter misst René Burris „Che Guevara“-Porträt (1963), das für 18 500 Euro versteigert wurde. Foto: Grisebach
Größer denn je. Über einen Meter misst René Burris „Che Guevara“-Porträt (1963), das für 18 500 Euro versteigert wurde. Foto:...

Bereits der Aufruf für Bernd und Hilla Bechers „Fördertürme, Schuylkill County, PA, USA“ erfolgte mit 26 000 Euro oberhalb des Schätzpreises. Die zwischen 1974 und 1978 dokumentierten Coal Mine Tipples – Kleinstbergwerke im Besitz von Familien oder wenigen Bergleuten, deren einfache Holzkonstruktionen ebenso fragil wie anrührend wirken – lockten acht Konkurrenten zum Bietgefecht, das ein deutscher Händler erst bei 58 000 Euro für sich entscheiden konnte. Mit 70 700 Euro nach Aufgeld avancierte die neunteilige Arbeit zum Spitzenlos der Fotografie-Auktion in der Villa Grisebach.

Nicht ganz so eindeutig war die Zustimmung für zwei kleinformatige „Theatres“ von Hiroshi Sugimoto, für die der Konzeptkünstler unter den zeitgenössischen Fotografen Kinos mit der Belichtungszeit einer Filmlänge aufnahm. Das daraus entstandene weiße Leuchten der Leinwand überzeugte in „Tri City Drive-In, San Bernadino“ von 1993 den deutschen Handel, der mit insgesamt 31 700 Euro die mittlere Schätzung bestätigte. Die mit 18 000 bis 22 000 Euro etwas geringer taxierte, aber eigentlich nicht weniger spannende Aufnahme „Stanley, New Jersey“ fand keinen Abnehmer. Anders ein „Berglöwe“ von 1980 aus der Serie „Dioramen“, die den Japaner im New Yorker Museum of Natural History überhaupt zu seiner Arbeitsweise inspirierten. Leicht über der oberen Erwartung bewilligte ein deutscher Händler für die so natürlich wirkende und doch illusionistische Szenerie den Hammerpreis von 12 500 Euro.

Derart wählerisch verhielt sich das Publikum über weite Strecken der Fotografie-Versteigerung, die am Donnerstagabend die fünfteilige Frühjahrsstaffel im Hause Grisebach eröffnete. Mit einem Gesamtergebnis von 591 700 Euro inklusive der Aufgelder wurde die Schätzung übertroffen und wurden 71 Prozent der 190 Los-Nummern veräußert.

Top-Los der klassischen Fotografie waren zwei Alben mit Freunden, fotografiert von dem weithin unbekannten Kurt Bryner. Was das Konvolut interessant machte, waren Aufnahmen von Oskar und Tut Schlemmer und ihren Kindern – alle von den Porträtierten signiert. Entstanden sind die historischen Dokumente zwischen 1937 und 1940 im Südschwarzwald, wo der Bauhaus-Künstler mit seiner Familie Zuflucht vor den Nationalsozialisten gefunden hatte. Für 29 280 Euro inklusive Aufgeld, und damit knapp unter den Erwartungen, wechselten die 321 Vintages von Schweizer Privatbesitz in den deutschen Handel, der per Telefon zugeschaltet war. Wie überhaupt die telefonischen und schriftlichen Gebote dominierten. So auch bei George Hoyningen-Huenes „Divers, Paris“. In klassischer Inszenierung sitzen ein Mann und eine Frau in Schwimmkleidung auf einem Steg, der im 90-Grad-Winkel zur Horizontlinie ausgerichtet ist. Ebenso elegant wie sinnlich lässt die Rückansicht die Besonderheit der 1930 entstandenen Modefotografie nicht gleich erkennen: Denn das männliche Model ist Horst P. Horst, Freund und Schüler des 1900 in St. Petersburg geborenen Hoyningen-Huene. Den späteren Silbergelatineabzug hob ein Privatsammler aus der Schweiz per Schriftauftrag von geschätzten 8000 Euro auf 14 000 Euro vor Aufgeld.

Horst P. Horsts berühmtes „Mainbocher Corsett“ blieb mit einem Hammerpreis von 10 000 Euro im Rahmen der Schätzung, ebenso Erwin Blumenfelds unbetiteltes Selbstporträt mit haitianischer Maske bei 11 000 Euro oder Andreas Feiningers Vintage „Empire State Building seen from New Jersey“ (4000 Euro). Ein leichtes Plus verzeichneten Valie Exports „Konfiguration mit schwarzer Hand“ (12 500 Euro) und René Burris Ché Guevara. 1963 hatte der Schweizer Fotograf den Commandante mit Zigarre in Havanna porträtiert und die Aufnahme 2010 zum „biggest ever printed Ché Guevara“ vergrößert. Ein Landsmann Burris sicherte sich den Revolutionär als SchwarzWeißposter für 18 500 Euro netto. Der deutsche Privatsammler, der bei Burri Unterbieter war, steigerte dafür ein verwaistes Kinderkarussell – 1955 von Robert Doisneau im Regenschauer eingefangen - bei 8500 Euro und bewilligte später für Sarah Moons schillernde Modeaufnahme „Jean Paul Gaultier (Indépendant)“ mit 10 000 Euro den doppelten Schätzpreis.

Ein Ausreißer der skurrilen Art waren Ken Probsts „Tätowierte Zwillinge, San Diego“. Die Fotografie der jungen Männer war auf 700 Euro geschätzt. Der Hammer fiel – trotz des späteren Abzugs und einer 20er-Auflage – erst bei 4000 Euro. Ansonsten blieb der Nachmittag wenig spektakulär, obschon der Saal voll besetzt und die Beteiligung international war. Grisebach-Fotoexpertin Franziska Schmidt zeigte sich dennoch zufrieden mit einem gelungenen Auftakt, bevor am Abend danach das Großaufgebot der Ausgewählten Werke zum Aufruf kam.

Villa Grisebach, Fasanenstr. 25. Auktionen am heutigen Samstag: Kunst des 19.-21. Jahrhunderts, ab 10 Uhr; Third Floor. Schätzwerte bis 3000 Euro, ab 15.30 Uhr.

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