Kultur : Auf dem Kopf gehen

Er ist Volksbühnen-Star und hätte beinahe den Filmpreis gewonnen. Milan Peschel kommt als Lenz ins Kino

Kai Müller

„Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg.“ So fängt eine der berühmtesten Novellen der deutschen Literatur an, die von den Seelenqualen des Junggenies und Zeitgenossen Goethes, Jakob Michael Reinhold Lenz, erzählt. Es ist feucht in den Bergen, kalt und einsam, aber: „Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.“ Denn dem Wanderer war, „als jagte der Wahnsinn auf Rossen hinter ihm her“. In Thomas Imbachs „Lenz“-Verfilmung, die am Donnerstag in die Kinos kommt, sitzt der unglückliche, dem Irrsinn nahe Künstler im Auto. Eben hat er den Tau von Tannennadeln geleckt, Moosflechten gestreichelt und beinahe im Unterholz seine blonde Lockenperücke verloren. Nun tippt er, der vorgibt, einen Film über Lenz, den Dichter, drehen zu wollen, eine Nummer ins Mobiltelefon: „Du, weißte, ich bin grad in der Nähe ...“ So fangen verlassene Väter oft an, wenn sie ihre Kinder wiedersehen wollen.

Milan Peschel ist dieser Lenz. Ein Sonderling, der mit einem knallroten Hartschalenkoffer einen Schneehang hinabrast, unangekündigt in das Leben seines Sohnes hineinschneit und ständig Sätze sagt wie: „Ja, hatt ich auch vor, weißte.“ Er nuschelt und nölt Entschuldigungen und stiert oft mit großen, braunen Augen in eine Welt, die ihn nicht haben will. „Meine Figuren“, sagt Peschel, „haben oft etwas Gebrochenes. Ich scheine da etwas auszuleben, was in mir steckt, zum Beispiel, wie es ist, eine Familie haben zu wollen – zum Glück“, fügt er hinzu, „habe ich ja eine.“ Der 38-jährige Schauspieler ist die Kino- und Theaterentdeckung der letzten Jahre. Für seine Rolle als gescheiterter, arbeitsloser Lebenslügner in „Netto“ wurde er für den deutschen Filmpreis nominiert. Er hat mit Detlef Buck und Hans Weingartner gedreht, aber, sagt er, Schauspieler gehen durch einen Film ja immer nur „so durch“. Wie durch ein Gebirge. Trotzdem vergisst man die Typen nie, die Peschel darstellt. Verlierer sind es meist, deren hervorstechendste Eigenschaft ist, dass sie Kindsköpfe bleiben. Er verkörpert die Untergeher, Aufgegebenen und Stoiker mit einer Besessenheit, dass man sich vor einem Treffen mit ihm beinahe fürchtet. Dabei liegt dem Mann, der zuweilen mit Klaus Kinski und Henry Hübchen verglichen wird, das Exzentrische fern.

„So setzt sich unser Leben aus lauter Banalitäten zusammen“, sagt Peschel zum Abschluss einer längeren Erläuterung, die ihn im Lichte eines weißgetünchten Cafés unweit seiner Wohnung in Prenzlauer Berg als „normalen, bequemen Typen“ (Peschel) zeigt. Der lege auch gern mal die Füße auf die Couch, gesteht er, sofern ihn seine zwei Kinder lassen. Dass er beim Sprechen die Stirn zusammenschiebt wie eine Falttür, ist das einzige grüblerische Relikt, das ihn an seine Figuren kettet. Neulich habe er einen alten Defa-Kinderfilm wiedergesehen, erzählt er vergnügt und nippt an einem dampfenden Teeglas. „Die waren die ganze Zeit nur am meckern“, sagt er. Er habe sich sofort an den derbe-ruppigen Tonfall erinnert gefühlt, den seine eigene Ost-Berliner Jugend geprägt habe.

Es ist dieser Redesound, dem Peschel seine Karriere verdankt. An der Volksbühne, deren Ensemblemitglied er seit 1997 ist, reden alle so, vor allem Intendant Frank Castorf, der in Peschel auch einen Wiedergänger seiner selbst erkennen könnte. Die hängenden Mundwinkel, die leicht geschürzten Lippen deuten die Ähnlichkeit zumindest äußerlich an. Und wegen seiner Rolle als Dichterwrack und Alter Ego des Regisseurs in Castorfs „Meister und Margarita“-Inszenierung sah eine Zeitung in ihm den „zweitbesten Castorf, den es je gab“.

Es gab eine Zeit, da wirkte Peschel als Volksbühnen-Techniker hinter den Kulissen. Folge einer „ganz normalen DDR- Biografie“, wie er sagt. 1968 in Berlin als Sohn eines Lehrers und einer Journalistin geboren, machte er zunächst eine Tischlerausbildung an der Staatsoper, bevor er eher zufällig am Rosa-Luxemburg-Platz landete. Dabei wollte er schon als Kind Schauspieler werden. Er besuchte die Sprechergruppe im Haus der jungen Pioniere, trat bei einem Märchenstück im Theater der Freundschaft auf. Dann verlor er sein Ziel aus dem Blick – die Pubertät. Die Wende schüttelte immerhin so viel durcheinander, dass er es noch mal anging und an der Schauspielschule Ernst Busch Aufnahme findet. Mit Glück, wie er sagt. Aber eigentlich geht Peschel – nach kurzen Engagements in Potsdam und Senftenberg – durch die Castorf-Schule. Deren wichtigste Lektion lautet: „Dass ich vieles nicht herstellen muss, sondern schon mitbringe.“

Das klingt wie das Credo eines Charakterdarstellers, der Peschel tatsächlich auch ist. Peschels Aufstieg zu einem Star des Volksbühnen-Ensembles fiel in die Zeit, da die Volksbühne niemanden mehr so richtig interessierte. Castorf wandte sich vom vitalen Zertrümmerungstheater ab und der Dostojewski’schen Schwermut zu. Seine sich ständig duckenden Männermenschen in „Dämonen“, „Forever Young“, „Gier nach Gold“ – „jedes Jahr ein Castorf“ – sind Zöglinge des Prekariats, ihr glubschäugiges Erstaunen spiegelt die Vernunftkälte der Hartz-Reform sowie das trügerische Glücksversprechen von „Millionenspiel“ und „Deutschland sucht den Superstar“, das einem vorgaukelt, man müsse nur fest genug an sich glauben, um der Grauschleier-Existenz des wirklichen Lebens zu entkommen.

In „Lenz“ packt Peschels Held einmal einen weißen Anzug aus. „Booaah!“, entfährt es ihm angesichts dieses über jeden Zweifel erhabenen Prunkstücks. Auf das Drama des kleinen Mannes ist Peschel zwar nicht festgelegt, aber es ist ihm näher als andere. Und was die Technik betrifft: Gefühle entwickeln sich im Kunstraum von Theater und Kino nicht aus anderen Gefühlen, sagt Peschel, sondern aus einem Gedanken. Umso mehr, wenn dieser Gedanke einen verwirrt.

Da ist sie wieder, diese merkwürdig geschwungene Peschel-Linie, die auf die Erkenntnis zuläuft, dass die Schauspielerei der ständige Versuch ist, sich irgendwie Klarheit zu verschaffen. Statt aus Lenz den schizophrenen Grenzgänger zu machen, legen Peschel und Regisseur Imbach die Geschichte als simples Familiendrama an. Ein Vater reist in die Alpen, um seine Ex und das gemeinsame Kind zu sehen. Er hat weder einen Eroberungsplan, noch weiß er etwas mit sich im Schwebezustand des Toleriertwerdens anzufangen. Am Ende bleibt er allein in einem leeren, kitsch-barocken Hotelzimmer zurück und zupft „Wish You Were Here“ von Pink Floyd auf der Gitarre. „Ich bin selbst auch ein einfacher Mensch“, sagt Milan Peschel. Beinahe rührend, wie der Mann, dessen Kopf von den Schultern verschluckt zu werden droht, da seine Regieambitionen erklärt. Die hat er nämlich angeblich nie besessen, obwohl er nun fürs Maxim-GorkiTheater ein Stück inszeniert. „Ich habe nicht damit angefangen“, sagt er, „das waren die anderen.“

Und so lebt er hin.

„Lenz“ läuft ab 30. November im Fsk (Segitzdamm 2, Kreuzberg), danach im Acud. An der Volksbühne ist Peschel am 10. Dezember („Im Dickicht der Städte“) sowie am 26. („Iwanov“) und 27. Dezember („Das große Fressen“) zu sehen.

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