Kultur : Auf dem Newskij-Prospekt

GESANG

Frederik Hanssen

Diese Stimme ist wie die Newa: So breit und majestätisch der Fluss durch St.Petersburg zieht, so prachtvoll und frei strömt auch die Stimme von Alexander Vinogradov . Brummbärige Kraftmeierei hat er nicht nötig. Vinogradow modelliert die Gesangslinie aus der Sicherheit einer souveränen Technik heraus, bleibt immer flexibel und fokussiert. Weich und stark zugleich ist diese Stimme, eben wie das Wasser eines großen Stroms, das so geschmeidig erscheint und doch ungeheure Kräfte freisetzen kann.

Auf den ersten Blick lässt sich das volltönende Riesenorgan kaum mit der jungenhaften Erscheinung des Sängers mit den schwarzen Wuschelhaaren und den fein geschwungenen Lippen zusammenbringen. Doch der 1976 in Moskau geborene Künstler, der zunächst Mathematik und Physik studierte, bevor er sich für den Gesang entschied und seit 2001 dem Staatsopernensemble angehört, ist stimmlich voll ausgereift–erstaunlich für einen Bass. Und ein kluger Interpret ist Vinogradov außerdem, wie er bei seinem bestens besuchten Liederabend im Apollosaal bewies: In Schostakowitschs „Michelangelo-Suite“ versenkte er sich, von Semjon Skigin am Flügel expressiv unterstützt, in die Seele des Künstlers, schwankend zwischen Zweifel und Unsterblichkeitsphantasien. Gefühlsaufwallungen gestatte er sich in Hugo Wolfs Michelangelo-Vertonungen, bevor er in Rubinsteins exotisch parfümierten Liedern aus Opus34 sowohl komisches Talent wie Verführerqualitäten offenbarte. Beides kann der junge Russe im Februar gut gebrauchen, wenn er als Mozarts Figaro an der Staatsoper debütiert. Dann werden die Linden wieder zum Newskij-Prospekt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben