Kultur : Auf dem Quivive

TALK

Christine Lemke-Matwey

Wenn er will, dann ist Daniel Barenboim ein Glücksfall für jeden Talkmaster: charmant, humorvoll, schlagfertig und eloquent. Ein Mann, der früh viel gesehen hat von dieser Welt, als Wunderkind („das Wunder ist weg, das Kind ist geblieben“), als Jude in Argentinien, Israel und Europa, als Global Player im Musik-Business. Und Daniel Barenboim wollte an diesem strahlenden Sonntagvormittag im Deutschen Theater , ließ sich weder durch den Berliner Halbmarathon aus dem Konzept bringen, der ihn unverhofft in die S-Bahn zwang, noch durch das Pfeifen eines Lautsprechers im Saal, noch dadurch, dass Gregor Gysi zwar locker aus dem Stehgreif moderierte, von Musik allerdings kaum etwas zu verstehen schien. Aber da blieb ja noch das weite Feld der Politik – vom Nahost-Konflikt über den Irak-Krieg bis zur Berliner Opernkrise. Angenehm, wie Barenboim immer wieder sehr persönlich und mit der Kunst argumentierte. Die typisch „mitteleuropäische Sicht“ Israels auf den Orient (als Kern des Konfliktes) etwa unterfütterte er mit einer Anekdote über den Geiger Jascha Heifetz, der im Tel Aviv der Fünfzigerjahre von einem Taxifahrer gefragt wurde, welche Kadenz er im Beethoven-Konzert spiele. Auch das Scheitern des Friedens von Oslo wusste Barenboim musikalisch zu erläutern, und überhaupt: „Jedes gute Orchester ist eine Schule für Demokratie.“ In diesem Sinne fühle er sich in Deutschland gerade ausgesprochen wohl, künstlerisch wie weltpolitisch. Gegen diese unterhaltsame, mit vielen kleinen Seitenhieben gewürzte Tour d’horizon wirkten Gysis Versuche, sich seinerseits als Ex-Politiker in Erinnerung zu bringen, bisweilen arg kümmerlich und verzweifelt.

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