Kultur : Auf dem Sonnendeck

Begeisternder Auftakt: Sasha Waltz eröffnet mit „Dialoge 06“ das Berliner Kunstzentrum Radialsystem

Sandra Luzina

Ein Singen und Klingen ist in diesem Haus! Gerade hat man sich in den Anblick eines Tänzerpaars vertieft, das Zahlen und Bewegungen nach einer mysteriösen Logik addiert, da schraubt sich die Violine in sirrende, flirrende Höhen, und im benachbarten Raum traktiert ein Cellist sein Instrument mit kühnem Strich. Von fern wehen herrliche Stimmen heran. Eine japanische Schöne trippelt auf High Heels vorbei, sie schaut sich nervös um, bohrt ihren Absatz in die Luft und verschwindet. In „Dialoge 06“ kann man seinen Augen trauen – oder den Ohren folgen. Denn die Musik spielt überall.

Die Open-House-Party des Kunstzentrums Radialsystem lockte bereits am vergangenen Wochenende zahlreiche Berliner an. Nun wird der neue Produktions- und Aufführungsort auch künstlerisch eingeweiht mit Sasha Waltz’ neuem Stück „Dialoge 06 – Radiale Systeme“, das zugleich Tanz-Performance, Konzert und begehbare Installation ist. Der knapp zweistündige Abend ist exakt zugeschnitten auf das von Gerhard Spangenberg umgebaute denkmalgeschützte Pumpwerk an der Spree, bei dem über dem Torso des alten Backsteinbaus eine kühle Glas- und Stahlkonstruktion schwebt. Nachts, wenn die Lichter angehen, sieht es aus, als sei hier ein Raumschiff gelandet.

Um die aufregende Architektur in Szene zu setzen, hat die Choreografin ein einzigartiges Ensemble aus 56 Mitwirkenden auf die Beine gestellt. 24 Tänzer schwärmen durchs Haus. Waltz hat ihre Compagnie extra für dieses Projekt erweitert; unter den Neuzugängen hebt sich besonders die Koreanerin Mamajeang Kim hervor. Im Gefolge der Tänzer bewegen sich 32 Musiker aus drei Ensembles: Neben den Instrumentalisten des Barockorchesters Akademie für Alte Musik Berlin und der auf Zeitgenössisches spezialisierten Musikfabrik wirken acht Sänger des Vocalconsorts Berlin mit.

Es ist nicht nur ein wunderbar geglückter Abend, sondern zugleich ein programmatischer Auftakt: Denn das Radialsystem will sich als ein Ort profilieren, an dem die Künste neue Allianzen eingehen und neue Formate erprobt werden. Dass der Dialog schon in Gang gesetzt ist, beweist dieser Abend. Musik und Tanz reagieren aufeinander, rücken einander in überraschendes Licht – und können durchaus auch für sich stehen. Die Musik ist beileibe nicht nur Untermalung: Bei Sasha Waltz werden die Sänger und Instrumentalisten Teil der Rauminszenierung. Barocke und zeitgenössische Kompositionen, Raritäten und Novitäten werden gegenübergestellt: Bach, Telemann und Vivaldi treffen auf Giacinto Scelsi und Michael Finissy. Alte Musik wird improvisiert, neue Musik auf alten Instrumenten gespielt. Die experimentierfreudigen Musiker wechseln zwischen Stilen und Haltungen – und spielen auch schon mal im Liegen.

Körper und Raum, Energie und Form, Gedächtnis und Imagination – dazwischen sind die Dialogprojekte angesiedelt, die Sasha Waltz stets für spezifische, oft spektakuläre Orte in Berlin entwickelt hat: etwa im Rohbau des Jüdischen Museums, in den Sophiensälen, in der Schaubühne und im entkernten Palast der Republik. In „Dialoge 06 – Radiale Systeme“ spielt die Auseinandersetzung mit der Architektur eine zentrale Rolle. Die Choreografin entwirft eine vertrackte Körperarchitektur aus Kippbewegungen, Überlagerungen, Verdrehungen, sich kreuzenden Achsen und fliehenden Linien als imaginäre Topografie dies Orts.

Die Zuschauer bewegen sich frei durch das Gebäude. Unermüdlich durchstreifen sie die Hallen, Säle und Studios, steigen von Stockwerk zu Stockwerk, pressen sich durch schmale Gänge, betreten den Kubus aus Glas, verweilen auf dem Sonnendeck. Von innen nach außen und wieder zurück geht die Reise, die beim letzten Tageslicht beginnt.

In der großen Halle, wo früher die Dampfmaschinen standen, erhascht man anfangs einen Blick in die Unterwelt. Durch ein quadratisches Loch im Fußboden schaut man auf sechs kaum bekleidete Tänzer. Sie stehen in Wasserbecken und vollziehen ein mysteriöses Reinigungsritual.

Immer wieder arbeitet Sasha Waltz mit Durchblicken, Ausschnitten und Spiegelungen. Eine Art Breitleinwandeffekt ergibt sich, wenn die Tänzer das Dach der Halle betreten. Aus großer Entfernung schreiten Maria Marta Colusi und Davide Camplani aufeinander zu. Ihr Duett mit den stilisierten Tangoschritten ist ein raffiniertes Spiel aus Distanz und Nähe. Wenn die beiden zum Schluss die Dachrinne herunterrutschen, stehen unten schon die Notenständer bereit.

Zu Telemann laufen und springen vier Tänzer übermütig über das Sonnendeck, rotieren wie Propeller mit herausgeschlenkerten Armen und kreiselnden Beinen. Wie bei einer Karambolage stoßen sie leicht zusammen und verändern ihre Bahn. Sasha Waltz wandert umher und flüstert ihren Tänzern gelegentlich Regieanweisungen ins Ohr. Wunderlichkeiten gibt es viele zu bestaunen: Tänzer, die in einer weißen Papiertüte stecken, vier Frauen, die an die Wand geklebt sind, oder sechs Amazonen, die sich über den Boden wälzen und ein wildes Bacchanal feiern.

Das ganze Gebäude wird bespielt, aber auch der Fluss, die nächtliche Stadt mit ihren Lichtern, Geräuschen und Gerüchen spielen hinein. In einem kleinen, weißen Boot fährt Takako Suzuki vorbei, winkt mit den Armen in die Ferne – und ist wenig später wieder glücklich gelandet im Radialsystem.

Zum grandiosen Finale versammeln sich alle in der großen Halle. Die Zuschauer bilden einen Kreis um die purpurgewandete Lisa Densem. Wenn die Tänzer und Musiker einziehen, erreicht der Abend seinen Höhepunkt. Waltz splittet den Tanz in kontrapunktische Aktionen auf. Die Tänzer bilden eine Reihe und kippen nacheinander um wie einstürzende Neubauten. Sie balancieren in Arabesken oder formieren sich zur Flugzeugstaffel. Nach und nach stimmen alle in Purcells „King Arthur“ ein – im Ergebnis ein musikalisches Jubilieren und ein großartiges Schlussbild.

Sasha Waltz hat sich den neuen Kunstort in einer gewaltigen Kraftanstrengung erobert. Dabei hat der Abend eine wunderbare Leichtigkeit. Ihre Stücke laufen weiterhin an der Schaubühne oder auch an der Staatsoper. Nach dem dortigen Erfolg von „Dido and Aeneas“ wird sie erneut eine Oper inszenieren. Ihr Fundament wird von nun an aber das Radialsystem sein – umgekehrt ist ihr Ruhm (wie auch die weltweite Reputation der Akademie für Alte Musik) ein sicheres Fundament für diesen neuen Berliner Veranstaltungsort.

Einen schöneren, gelungeneren Beginn für das neue Kunstzentrum hätte man sich nicht wünschen können.

Vorstellungen: heute (Sonnabend) 19 Uhr; 17. 9., 15.30 Uhr; 27.–29. 9., jeweils 18.30 Uhr; 30. 9., 14 Uhr.

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