Kultur : Auf dem Sprung

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ALL THAT JAZZ

Christian Broecking über

JazzMusiker jenseits der Oder

In dieser Woche nur Sensationen. Als der afroamerikanische Geiger Billy Bang vor knapp zehn Jahren nach Berlin kam, um einige Zeit zu bleiben, hatte er nur eine einzige LP mit dabei, die er stolz zu jedem Interview mitnahm und vorspielte. Auf ihr gab es eine gemeinsame Aufnahme mit dem Trompeter Don Cherry und ihm. Vor drei Jahren verließ Bang Berlin dann wieder Richtung New York, um bei einigen der wichtigsten Jazz-Plattenaufnahmen der jüngste Zeit dabei zu sein. Bei seiner CD „Vietnam: The Aftermatch“ ging es um die schwierige Aufarbeitung (afro-) amerikanischer Geschichte, Bang hatte eine Band schwarzer Soldaten zusammengestellt, die bis heute unter den Eindrücken leiden, die sie als junge Männer im Vietnamkrieg erfuhren. Ein ungemein intensives Musikdokument, das zugleich der Selbsttherapie dienen sollte. Die Fortsetzung dieses Projekts ist für dieses Frühjahr geplant. Und dann ist Bang auch noch der Star auf William Parkers CD „Scrapbook“ (thirstyear), die just erst von der Zeitschrift „Jazz Thing“ zu einem Highlight des vergangenen Jahres gewählt wurde. Bill Bang kommt jetzt wieder für einige Auftritte nach Berlin: am Donnerstag im Atalante , Freitag und Samstag im Badenschen Hof , und am Sonntag im A-Trane (jeweils 21 Uhr).

Der einzige aktuelle Weltstar des polnischen Jazz, der 61jährige Trompeter Tomasz Stanko , rät heute seine Landsleute zur Qualitätsüberprüfung und gibt zu Bedenken, dass ein neues Denken jetzt angesagt ist, wenn die polnische Jazzszene das europäische Niveau erreichen will. Mit seiner CD „Soul of Things“ (ECM) schaffte er in jüngster Zeit den großen Durchbruch, vor einem Jahr ging der 61jährige Trompeter zum ersten Mal auf eine vielbeachtete USA-Tournee. Mit seiner jungen polnischen Band war er beim letzten Berliner JazzFest eines der unbestrittenen Highlights. Jetzt ist eine neue CD seines superben Quartetts erschienen, in „Suspended Nights“ (ECM) wird die originäre Jazzballade in einer Folge kreativer Variationen neu erfunden. Am Donnerstag spielt das Stanko Quartett um 18 Uhr im Kulturkaufhaus Dussmann , der Eintritt ist frei.

Am selben Abend tritt dann auch das Simple Acoustic Trio in Berlin auf. Und dahinter verbirgt sich genau jene junge polnische Band, mit der Stanko vor zehn Jahren sein Comeback vorbereitete, und die ihn heute noch begleitet. Als Stanko das Trio mit dem Pianisten Marcin Wasilewski, Slawomir Kurkiewicz, Bass, und Michal Miskiewicz, Schlagzeug, unter seine Fittiche nahm, waren sie noch Teenager. Jetzt sind sie selbst kurz vor dem großen Sprung. In diesem Frühjahr ist eine eigene CD-Veröffentlichung beim renommierten Münchner ECM-Label geplant, und man kann davon ausgehen, dass sie Stankos Erfahrung in eine ihrer Generation entsprechende Übersetzung transferieren. Doch Marcin Wasilewski gibt sich nicht nur völlig unbeeindruckt von den Machtkämpfen in der alten polnischen Jazzszene, er winkt auch ab, wenn man ihn auf die jüngsten Erfolge des schwedischen Pianotrios von Esbjörn Svensson anspricht. Er hält den Hipnessfaktor bei Svensson für überschätzt und den Hype um die Band schlicht für übertrieben. Solche Statements mögen schon etwas vom gereiften Selbstbewusstsein dieser jungen Musiker verraten. Dass Stanko beim Konzert seiner Band vorbeischaut, liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Das Konzert beginnt am Donnerstag um 21 Uhr im b-flat .

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