Kultur : Auf dem Trapez

Die große Lebensreise geht weiter – Notizen zu George Taboris Witz und Wehmut, über Anfänge, Abstürze und die Zukunft

Peter von Becker

Heute ist er mit Neunzig der älteste Regisseur und Dramatiker der Welt. Aber mit seinem Geburtstag, mit seiner Geburt, sagt George Tabori, habe er wenig zu tun. Das sei ja eine Sache seiner Eltern gewesen. Aber seine Mutter soll bei der Geburt, einer schönen leichten Geburt, immer wieder gelacht haben. Vielleicht mag er deswegen das Lachen von Frauen so gern. „Es erinnert mich an meine Geburt.“

Als wir Anfang der Neunzigerjahre in Berlin, Wien und Budapest zusammen einen Film machten, gingen wir in einer Drehpause durch die Wiener Porzellangasse, in der Taboris eigenes Theater „Der Kreis“ wie Rücken an Rücken an Sigmund Freuds Haus in der Berggasse grenzte: an den Ort, wo einst die Psychoanalyse erfunden wurde. Bis die Nazis den Seelenforscher mit so vielen anderen Seelen und ihren noch zu ergründenden Träumen vertrieben. „Sigmunds Freude“ hieß übrigens eines der frühen Stücke Taboris, des amerikanisch schreibenden ungarischen Juden mit britischem Pass und einer dem Auschwitztod des Vaters trotzenden Liebe zu den Menschen, auch zu den Deutschen.

Damals in der Porzellangasse erzählte George Tabori eine seiner fabelhaften Geschichten. Ich glaube es war die von seiner ersten Theater-, nein: Zirkusvorstellung in Budapester Kindheitstagen, bei der eine schöne blonde Frau engelsgleich aufs Trapez stieg und später herabstürzte und ihre Engelslocken dann in einer Blutlache schwammen. Worauf der kleine György glaubte, so ist das jeden Abend im Zirkus: Das Schöne und das Schreckliche spielen zusammen – ums Leben.

Vielleicht war es damals auch die Geschichte, wie sein Vater nach dem Ersten Weltkrieg Vorträge gehalten und Filme gezeigt hat über die soziale Not in ungarischen Armutsquartieren. Dazwischen aber habe der Vater auch ein paar komödiantische Kurzfilme à la Chaplin vorgeführt, weshalb sich einmal ein Gast, der Budapester Erzbischof, zu dem Jungen gewandt und gesagt habe: „Das Problem mit deinem Vater ist, er kann sich nicht entscheiden, ob er uns zum Weinen bringen soll oder zum Lachen.“

Muss man alles entscheiden, also scheiden? Der Scherz und der Schmerz sind bei Tabori, dem heute 90-jährigen Sohn, immer die beiden Schneiden einer Schere.

„George“, fragte ich irgendwann an jenem Mittag in der Wiener Porzellangasse, „wie kannst du dich nur an all diese Erlebnisse noch so gut erinnern? So viele Namen, Orte, Pointen?“ Und seine Antwort war: „Ach, es ist doch alles erst sechzig, siebzig Jahre her.“

Er hat als erster Auschwitz und auch Hitler und Stalin, wie nie zuvor gesehen, auf die Bühne seines (im Grunde intimen) Welttheaters gebracht.Jetzt will er, so hat er am Sonntag im Berliner Ensemble verraten, nicht nur ein Stück noch über die Begegnung von Napoleon und Goethe schreiben. Nein, das Allerneuste soll ein Stück über Dracula werden – was anderes also als eine helle schwarze Komödie? Die Lebensreise, von Budapest über Istanbul, Jerusalem, Kairo, London, Hollywood, Wien und Berlin geht so weiter. Und Hapschi, das ist George Taboris ungarischer Hirtenhund (der Name bedeutet: vorwitziger Kerl), er bellt schon wieder, wenn sein Herr am Schreibtisch sitzt. Liebevoll, ungeduldig.

0 Kommentare

Neuester Kommentar