Kultur : Auf dem Weg zur Großstadtsinfonie

FREDERIK HANSSEN

Es gibt sie tatsächlich, diese raren Momente, in denen das Leben die Kunst imitiert: Zum Beispiel der aktuelle Streit um den Berliner Sondertarifvertrag für Kulturorchester, ein unkünstlerischer Vorgang - der sich bislang höchst kunstvoll am Modell der klassischen Sonatensatzform orientiert

Das erste, das Hauptthema setzte Berlins Kultursenator Peter Radunski mit Fortissimo, als er verkündete, die Berliner Symphoniker würden ab dem jahr 1999 keine Subventionen mehr erhalten.Nun war es an der Orchestergewerkschaft DOV, dazu das zweite, das Gegenthema anzustimmen - nach den Regeln der Wiener Klassik ein im Charakter sich abhebendes, zumeist weniger vorwärtsstürmendes.Dies gelang auch auf ebenso überraschende wie ingeniöse Weise mit dem Vorschlag der DOV, durch Solidarleistungen aller staatlich angestellten Musiker der Hauptstadt die Summe aufzubringen, die Radunski durch eine Abwicklung der Berliner Symphoniker in seinem Haushalt einsparen wollte.

Die Durchführung, das Herzstück jeder Sonatenform, in dem sich die beiden gegensätzlichen Themen begegnen, umkreisen, schließlich sogar überlagern und vermengen, konnte beginnen: Verhandlungen wurden geführt, komplizierte Formulierungen gefunden, Bedingungen geknüpft und schließlich folgendes festgehalten: Erstmals zeigte sich die Gewerkschaft dazu bereit, über die seit langem geforderte Reduzierung gewachsener Privilegien ihrer Mitglieder überhaupt zu diskutieren.Man kam überein, daß ein Orchestermitglied, das von seinem Arbeitgeber nicht im vollen Umfang der Dienstverpflichtung eingesetzt wird, aber im zeitlichen Rahmen der vertraglich festgeschriebenen Arbeitszeit bei einem anderen subventionierten Ensemble der Stadt aushilft, für dafür zukünftig kein Extrahonorar mehr erhält.Man fixierte außerdem, daß die wöchentliche Höchstbelastung mit Proben und Konzerten - vulgus: Dienste - von neun auf zehn erhöht wird und daß der Freizeitausgleich für diese Überdienste nicht mehr innerhalb von acht bei Konzertorchestern respektive 12 bei Opernhäusern, sondern nun innerhalb von 20 Wochen erfolgen muß.Und man hielt schließlich fest, daß die zwei Dienstbefreiungen, die jeder Musiker zum Saisonbeginn als "Einspieltage" geltend machen konnte, mit dem neuen Vertrag wegfallen, sowie, daß Reisezeiten bei Gastspielen, Orchesterversammlungen und Probenspielzeiten, die als Dienste anerkannt werden, künftig bei der Berechnung des Dienst-Höchstlimits nicht mehr mitgezählt werden.Im Gegenzug sollte Peter Radunski die Berliner Symphoniker retten.Ein Präzedenzfall war geschaffen worden, mit Signalwirkung für die gesamte deutsche Orchesterlandschaft.

Doch an eine wechselseitige Unterschrift unter das Jahrhundertwerk war noch nicht zu denken, denn es folgte - wie bei jeder Sonatensatzform üblich - die Reprise, also der nochmalige Auftritt der beiden Hauptthemen.Zunächst Radunski, wiederum im Fortissimo: "Ich habe die Berliner Symphoniker im Haushaltsentwurf für 1999 nicht mehr vorgesehen, da die Einsparmöglichkeiten des Vertrags weit hinter der Summe zurückbleiben, die zum Erhalt des Orchersters nötig ist." Als die Orchestergewerkschaft nämlich behauptete, es ließen sich über 18 Millionen Mark sparen, hätte sie mit falschen Zahlen operiert, erläuterte der Senator - die Regel befolgend, daß in der Reprise das Thema durchaus in gewandelter Form auftreten darf.Den größten Vertragsvorteil nämlich, die Sparmöglichkeiten durch die Nichtbesetzung freiwerdender Musikerstellen, hätten sich die einzelnen Ensembles noch während des Durchführungs-Teils längst unter den Nagel gerissen und bei der Kultruverwaltung zur jeweils eigenen Entlastung abgerechnet.Recht hatte er.

Nun tauchte jedoch - regelwidrig, aber künstlerisch nicht uninteressant - ein verspätetes Seitenthema auf in Form des Kulturausschusses des Abgeordnetenhauses, der sich über die Parteigrenzen hinweg als Retter der Berliner Symphoniker anbot.Da wechselte Radunski die Tonart von Schließ-Moll nach Hilfs-Dur: Niemand würde das Orchester lieber weiterfinanzieren als er - vorausgesetzt, die Abgeordneten beschafften die nötigen sechs Millionen ohne dadurch den Kulturhaushalt zu belasten.

Die hübsche harmonische Wendung dieses intermezzo parlamentarico jedoch entbindet nun die Orchester keineswegs davon, im Rahmen der Reprise ihr Thema auch noch einmal zu präsentieren.Selbst wenn der ursprüngliche Widmungsträger des hier gespielten Stücks, also die Berliner Symphoniker, tatsächlich durch höhere Mächte vom Untergang bewahrt werden sollten, führt kein Weg an der Unterzeichnung des zukunftsweisenden Sondertarifvertrags vorbei, wenn am Ende nicht Radunskis "Unvollendete" herauskommen soll.Die ideale Gelegenheit dazu bietet sich heute, wenn sich alle betroffenen Intendanten in Radunskis Amtssitz versammeln.Zweifellos wird dabei zunächst manche Dissonanz den Zusammenklang trüben, weil die Orchestermanager natürlich auch auf die Empfindlichkeiten ihrer Musiker Rücksicht nehmen wollen, Radunski hingegen der Vertrag nicht weit genug geht.Trotzdem sollten alle Beteiligten sich daran halten, daß das Hauptziel der dialektisch angelegten Sonatensatzform nun einmal das versöhnlichen Ende ist.

Und noch eines dürfen die Musiker wie der Senator nicht übersehen: Dieser Orchestertarifvertrag kann nur den ersten Satz einer langfristig angelegten Großstadtsinfonie für das 21.Jahrhundert bilden: Wenn die Vereinbarung 2001 ausläuft, muß nicht nur unter künstlerischen Gesichtspunkten zwangsläufig eine Weiterentwicklung in Richtung der von Radunski heftig geforderten "Privilegienabschmelzung" bei den Musikern erfolgen - wenngleich womöglich auch ersteinmal in der üblichen gemäßigten Gangart eines zweiten Satzes.Wer glaubt, jetzt schon auf einem Tempo di Minuetto beharren zu müssen, könnte schneller als ihm lieb ist auf die Spielanweisung stoßen attacca: Finale.

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