Kultur : Auf dem Zauberberg

Eine

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von Marius Meller

Das Duell, mein Freund, ist keine ,Einrichtung’ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist.“ Ludovico Settembrini, der Menschenfreund und Freimaurer mit „karierten Beinkleidern“ und „feuchten Stellen in der Lunge“, der auch in den Alpen den Mädchen mediterran hinterherpfeift, erklärt seinem Geistesschützling Hans Castorp, der sich seine feuchte Stelle nur einbildet und dennoch ganze sieben Jahre auf dem Zauberberg verbringt, das Wesen des Duells. Naphta, der brillante Jesuit und Erzreaktionär – er hat wie Settembrini echte feuchte Stellen – hat den Italiener zum Zweikampf mit Pistolen gefordert. Als es zum dramatischen Höhepunkt des Romans kommt, haben Naphta und Settembrini bereits über hundert Seiten RedeDuell hinter sich. In den ebenso komplexen wie unterhaltsamen Streitgesprächen entfalten sich Jahrtausende europäischer Geistesgeschichte – als ewiger Kampf zwischen „rechts“ und „links“.

Thomas Manns „Zauberberg“ wäre die ideale Begleitlektüre zum heutigen Duell unserer Kanzlerkandidaten, hätte das Buch nicht gut tausend Seiten. Aber die Settembrini-Kapitel inklusive Duellszene („Die große Gereiztheit“) lassen sich in ein paar Stunden gut nachlesen. Der abendliche Genuss lässt sich so enorm steigern: Vorm geistigen Fernsehauge könnte der Bundeskanzler in gewürftelten Settembrini-Hosen erscheinen, seine Jovialität würde mitunter in ein liebenswert-galantes Pfeifen übergehen. Die duelltypische „Regelung ritterlicher Art“ gewönne eine ganz eigene Bedeutung: Vielleicht entscheidet sich des Kanzlers Image ja heute an seinem Flirtverhalten.

Der Kandidatin aber wäre – der Kontroverse zuliebe – etwas von Naphtas reaktionärer Ironie zu wünschen. Warum nicht in der Türkeifrage ganz auf den metaphysischen Aspekt ihrer C-Partei setzen? Settembrini: „Die Türkei als National- und Verfassungsstaat – welch ein Triumph der Menschlichkeit!“ – „Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta, „vorzüglich. Der aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut.“

Aber dem Thomas-Mann-Leser wird vor dem Fernseher vor allem eines erleichtert auffallen: dass auch Frau Merkel und ihre Partei im Grunde Settembrinisten geworden sind, dass das Modell Naphta, die Personifizierung des Reaktionären, damals auf dem Zauberberg von Davos ein für alle Mal sich selbst gerichtet hat, nachdem ihm der friedliebende Freimaurer den tödlichen Schuss verweigert hatte. Dass Settembrinis Leitspruch „Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe“ heute für alle Rededuellanten gilt, auch wenn man kaum mehr erträgt, dass sie statt von „Bürgern“ nur noch von „Menschen“ reden.

Ob sie es wahrhaben wollen oder nicht: Merkel und ihre Partei sind schon längst Sozialdemokraten geworden wie Settembrini und Schröder. Der Rest ist Stilfrage. Und die „feuchten Stellen in der Lunge“ bei uns Zauberbergbewohnern? Seien wir ehrlich: Sie sind eine Hans-Castorp’sche Fantasie.

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