Kultur : Auf Demontage

Aain Robbe-Grillet, der Begründer des Nouveau Roman, wird heute achtzig Jahre alt

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Noch zu Beginn der 50er Jahre untersuchte Alain Robbe-Grillet im Dienste eines französischen Instituts für tropische Früchte die Krankheiten der Bananenpflanze. Da war nicht unbedingt abzusehen, dass er bald einer der wichtigsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts sein würde. Als seine ersten Bücher erschienen, wollte ein aufgebrachtes Publikum den Mann noch ins Irrenhaus einweisen lassen. Der Robbe-Grillets steht als Markenzeichen für die größte Modernisierungsbewegung in der französischen Prosa der Nachkriegszeit, den Nouveau Roman.

Hatte der aus Brest in der Bretagne stammende Schriftsteller für seinen ersten Roman „Ein Königsmord" (1949) keinen Verleger gefunden, nahm Jérôme Lindon 1953 dann aber das zweite Manuskript, „Ein Tag zuviel", für die Éditions de Minuit an: In seinem während der Okkupationszeit begründeten Verlag versammelte Lindon mit Nathalie Sarraute, Claude Simon und Michel Butor Schriftsteller, die bald gemeinsam mit Robert Pinget und Claude Ollier zur Gruppe der Nouveaux Romanciers gezählt wurden. Die Kritik lief Sturm gegen die Demontage, der alle Instanzen des traditionellen narrativen Diskurses ausgesetzt wurden: Die Geschichte hatte Anfang und Ende eingebüßt, das Personal war seiner Psychologie beraubt und der Erzähler vagabundierte zwischen allen denkbaren Perspektiven.

In den Essays „Argumente für einen neuen Roman" (1961) hat Robbe-Grillet seine damaligen poetischen Grundüberzeugungen versammelt. Die Kohärenz der Welt und die Kompetenz des Erzählers, so das Fazit, wären im Licht der modernen (Sprach-)Philosophie und Naturwissenschaften zum Teufel gegangen. Ein Sinn, der in der Welt nicht vorab gegeben wäre, könne nur in der écriture selbst, also textimmanent, verfertigt werden. Der Kampf gegen sinnproduzierende Ideologien wurde bald zu einem gegen den Sinn selbst.

Als „antihumanistisch" hat man dieses Programm gebrandmarkt, das sich den Oberflächen der Dinge statt den metaphysischen Tiefen der Seele verschrieb. Nur wenige Fürsprecher wie Roland Barthes hatte Robbe-Grillet an seiner Seite, als er mit ähnlichen ästhetischen Vorgaben auch noch Filme zu drehen begann. In der zweiten Phase des Nouveau Roman, dem so genannten Nouveau nouveau Roman der sechziger Jahre, mutierte der Autor gar zum ominösen scripteur. Im „Projekt für eine Revolution in New York" (1970) plünderte Robbe-Grillet die Mythen des Alltags, um sie zum Ausgangspunkt von kombinatorischen Texten zu machen. Die literarische Praxis verkam zusehends zum Erfüllungsgehilfen der Theorie. Und das Wirkliche blieb im Zeichen von Autoreferentialität und Intertextualität suspendiert.

Dieser Misere versuchten die Nouveaux Romanciers in den achtziger Jahren mit autobiografisch versetzten Romanen zu begegnen. Robbe-Grillets „Der wiederkehrende Spiegel" (1985) schien die Rückkehr zur Narration und einer überschaubaren Fabel anzuzeigen. Das allerorten vernehmliche Aufatmen „Nun erzählen sie wieder" bedeutete aber nur die halbe Wahrheit.

Die Grundidee des Nouveau Roman, beteuert Robbe-Grillet bis heute, hätte alle seine Wandlungen überlebt. Stolz verweist er darauf, dass seine Bücher mittlerweile zum kanonischen Schullesestoff gehören. Auch wenn so mancher literarische Shooting-Star es nicht wahrhaben will: Es gibt kein Zurück hinter einmal gemachte ästhetische Erfahrungen. Die beispiellose Selbstbefragung der Literatur, wie sie die Avantgarden betrieben, zählt dazu. Unschuldiges Drauflosfabulieren mag kurzzeitig Konjunkturen erleben, auf Dauer dürfte es keine Chance besitzen - und das ist nicht zuletzt ein Verdienst von Alain Robbe-Grillet. Steffen Richter

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