Kultur : Auf den Arm genommen

Sasha Waltz und Mark Andre laden zum „choreografischen Konzert“.

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Ohne Bodenkontakt. Der Tänzer Edivaldo Ernesto und die Geigerin Carolin Widmann. Foto: dapd
Ohne Bodenkontakt. Der Tänzer Edivaldo Ernesto und die Geigerin Carolin Widmann. Foto: dapdFoto: dapd

Flüstern, dann erklingt Mozarts Es-Dur- Divertimento. Die Tänzer und Musiker bewegen sich in einer langsamen Prozession über die Bühne, im Rückwärtsgang. Yael Schnell wogt durch die Gruppe, umkreist den Bratschisten Guy Ben-Ziony, angezogen von den Klängen. Die Instrumentalisten sind umfangen von der körperlichen Präsenz der Tänzer – was ihnen schon mal Flügel verleiht.

Mit „gefaltet“ hat Sasha Waltz Ende Januar die Salzburger Mozartwoche eröffnet, nun ist das „choreografische Konzert“ im Radialsystem V zu erleben, als Auftakt der MaerzMusik. Sasha Waltz nähert sich Mozart, indem sie einen Zeitgenossen in den Dialog mit ihm treten lässt. Der Lachenmann-Schüler Mark Andre ist dafür bekannt, die Grenze zwischen Klang und Geräusch auszuloten.

Mozarts Kammermusik wird bewusst aufgebrochen, zwischen die Streichtrios und Klaviersonaten platziert Andre seine „Klangruinen“ und vier „iv“ – was für Introvertiertheit steht – betitelte Stücke. Zerbrechliche Klanggestalten sind es, die die Stimmung jäh kippen lassen und die Körpertemperatur absenken. Man hört ein Scharren des Bogens, ein Plingeln am präparierten Klavier. Und auch die Tänzer in den raschelnden Seidenroben erzeugen Geräusche, ihr Atmen, ihre mit den Füßen markierten Rhythmen sind Teil der Klangkulisse.

Zwei Tänzer peitschen mit dem Geigenbogen durch die Luft und fauchen sich an in einem lustigen Revierkampf. Dennoch dringen sie immer wieder in die Nahzone der Musiker ein, gehen auf Tuchfühlung – so beherzt wie behutsam. Sasha Waltz, die Grenzgängerin zwischen den Künsten, sucht nach neuen Formen, die Musiker zu präsentieren.

In ihrer choreografischen Oper „Dido & Aeneas“ hat Waltz schon Sänger und den Chor in Bewegung versetzt. Diesmal geht sie noch einen Schritt weiter. In „gefaltet“ werden nun auch die Instrumentalisten zu bewegten Akteuren. Es ist einer der Höhepunkte des Abends, wenn die fabelhafte Carolin Widmann von Edivaldo Ernesto emporgehoben und gekippt wird – und dabei tadellos weitergeigt. Solche Bravourstückchen können leicht zur Zirkusnummer werden, doch hier hat es den Anschein, als würde die junge Geigerin von der Musik davongetragen.

Edivaldo Ernesto und Virgis Puodziunas in ihren Kniebundhosen sehen aus, als seien sie einer Mozart-Oper entsprungen und treiben auch allerhand Schabernack. Die Tänzer deuten zierliche Tanzfiguren an, Ernesto als kecker Verführer umwirbt die schöne Judith Sánchez Ruiz, die sich ihm immer wieder entzieht. Doch die Choreografie, die mal heiter und verspielt, mal sperrig ist, bleibt im Abstrakten. In den Quartetten sieht man ein Kippen und Schweben, ein Stürzen und Halten. Die Körper verschränken und verkeilen sich, bis ein Moment der prekären Balance erreicht ist.

Waltz gelingen in „gefaltet“ immer wieder wunderbare Szenen, in denen sie den Wechselwirkungen von Klang und Körper, von Bewegung und Stille nachspürt. Doch der zweistündige Abend verliert zuletzt an Spannung, die verschatteten Passagen bei heruntergedimmtem Licht werden zur Geduldsprobe. Und nicht jede Interaktion zwischen einem Musiker und einem Tänzer ist ein experimentelles Happening. Zaratiana Randrianantenaina, die auf einem Bein steht und mit ausgebreiteten Armen vibriert, sieht wie ein trunkener Kolibri aus. Die zierliche Tänzerin legt sich auf den Flügel, beschwert die Saiten mit Büchern – und befreit den Klang dann wieder von allen Lasten. Fortan hockt sie wie ein zahmes Vögelchen neben dem Pianisten. Alexander Lonquich reißt mit seinem energiegeladenen Spiel mit, der Tanz aber wird hier zum dekorativen Beiwerk.

Als einem Versuch, Zwischenräume des Ausdrucks zu erkunden, fehlt es „gefaltet“ an letzter Konsequenz. Am Ende ist es die Musik, die überwältigt. Die acht Tänzer scharen sich um das Quartett, lauschen konzentriert dem ersten Allegrosatz von KV 478. Eine Verbeugung vor dem Genie Mozarts.

Radialsystem V, bis So 18.3., 20 Uhr. Die MaerzMusik läuft vom 17.–25. 3. Infos zum Festival unter www.berlinerfestspiele.de

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