Kultur : "Auf den ersten Blick"

JAN SCHULZ OJALA

Was für ein Stoff! Ein als Kleinkind Erblindeter entschließt sich, nach jahrzehntelang erduldeter, vertrauter Dunkelheit, das Risiko einer Operation zu wagen, die ihm das Augenlicht (zurück-)geben könnte. Der Eingriff gelingt - und plötzlich ist der Glückliche dem Inferno aller visuellen Reize ausgeliefert. Schließlich, nach einer bemessenen Zeit, in der er Segen und Fluch des Sehens und Begreifens und Sich-Bewegens in der Welt der Sehenden ganz hat auskosten müssen, erblindet er wieder - langsam, doch diesmal definitiv. Was für ein Stoff, was für eine Herausforderung für das Medium Film, das vom Sehen lebt, für unsere und von unseren Augen!

"Auf den ersten Blick" gründet auf einer wahren Kranken-Geschichte. Der Nervenarzt Oliver Sacks ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte") hat sie in seiner Anthologie "An Anthropologist on Mars" aufgeschrieben: "To See and Not See" berichtet vom Schicksal eines von nur zwanzig Patienten innerhalb von 200 Jahren, die qua Operation (wieder) sehen lernten. Denn es ist ja ein Lernen: Das Gehirn muß das unermeßliche Zeichensystem eines weiteren Sinnes in den Zusammenhang des Bezeichneten stellen - und zuordnen. Und es muß dies fast mit einem Mal leisten, denn die Reize warten nicht auf den Lernerfolg, sondern strömen unaufhörlich ein. Eine Zumutung, eine Überforderung, eine Katastrophe: Nicht wenige dieser Fälle sollen im Selbstmord geendet haben.

Doch ach, Irwin Winklers Film verschenkt den ungewöhnlichst möglichen Stoff an ein höchst gewöhnliches Melodram. Als traute er dem Abenteuer seines Themas nicht, kleidet er das existenzielle Drama des aus heiterer Blindheit in den Wahnwitz des plötzlichen Sehens Stürzenden in eine arg übliche Liebesgeschichte. Der blinde Virgil (überfordert: Val Kilmer) arbeitet als Masseur irgendwo in der Nähe von New York. Eines Wochenends findet sich die gestreßte Architektin Amy (unterfordert: Mira Sorvino) unter seinen alles sehenden, alles lesenden Händen ein - und verliebt sich prompt. "Machst du immer, daß die Mädchen weinen?" fragt sie ihren mystischen Masseur mit Sonnenbrille, und er: "Immer." Und schon zieht sie ihn mit sich nach New York, weg von der overprotecting sister (Kelly McGillis), überredet ihn zur Operation. Die Kamera läßt die ersten Menschen, die er sieht, als verzerrte Zombies erscheinen. Und dann ist er, der Analphabet, der Sichnichtzurechtfinder, unter all den Normalos ruckzuck selbst der Zombie.

Muß man das sehen? Manches immerhin ist gut gesehen. Wie Mira Sorvino erst blickewerfend an sich nestelt und das ganze visuelle Einmaleins der Verführung runterbetet und dann merkt, daß es hier überflüssig ist; die Szene beim visual therapist (Nathan Lane), der Virgil den Unterschied zwischen einem Apfel und dem Bild von einem Apfel beizubringen sucht; und Virgil als Eiskunstläufer nachts, so traumsicher seine Schleifen ziehend, weil für ihn ja immer Nacht ist (oder nie): Auch das gehört zu den Pluspunkten dieses Films. Eilig aber flieht er in die Beziehungs- und Eifersuchtskiste - und ins Rührstück. Die Crux: Virgils wie neugeboren anmutender Blickwinkel, Kern allen Dramas, bleibt nicht wirklich abbildbar. Also flüchtet die Kamera in die vergleichsweise banale Perspektive der Sehenden. Virgil: ein Fall. Abzuhaken, und zu kadrieren. Alles Routine.

Moral: Liebe macht nicht blind, nicht sehend, sondern tränenblind. Oder: Man sieht nur mit dem Herzen gut (sehr unfrei nach Antoine de St. Exupéry). Aber das wußten wir schon.

Auf elf Berliner Leinwänden; Originalfassung im Cinemaxx Potsdamer Platz

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