Kultur : Auf den Plakatwänden: Welturaufführung

Frederik Hanssen

Früher, als die Künstler noch radikaler, die Stücke noch besser und Uraufführungen etwas ganz Alltägliches waren, stand auf den Theaterplakaten lapidar "zum ersten Mal" zu lesen, wenn eine Novität angekündigt wurde. Heute, wo der Kulturbetrieb auf der Basis von Reproduktion und ewiger Wiederholung des Immergleichen rasant stagniert, schreit es "Welturaufführung!" von den Werbewänden und aus den Zeitungsanzeigen - als läge es nicht in der Natur jeglicher Ur-Aufführung, dass es sich dabei um die garantiert erste Begegnung der Erdbevölkerung mit besagtem Werk handeln muss. Noch einfallsreicher sind die Dramaturgen und PR-Leute, wenn es darum geht, ein Stück, das seine Uraufführung schon hinter sich hat, trotzdem als so gut wie neu zu verkaufen. Da gibt es die "Deutschsprachige Erstaufführung" oder - wenn die Österreicher oder Schweizer mal wieder schneller waren - die "Deutsche Erstaufführung", schließlich - wenn uns sogar die Provinz im Wettlauf um die Novitäten überrundet hat - noch die "Berliner Erstaufführung". Alles künstlerische Jahreswagen, aus zweiter Hand, aber so gut wie neu. Vielleicht handelt es sich bei der Welturaufführung aber auch um ein spezifisch Berlinisches Phänomen. Der Berliner, man weiß es, befindet sich im ständigen, aussichtslosen Kampf mit der Idiomatik der deutschen Sprache - und mit Fremdwörtern. Es gibt harmlose Beispiele wie "Ich gebe dir zum Beispiel mal ein Beispiel" oder "Mein Assistent ist Krebs" oder auch "Das ist für mich ein roter Teppich". Und es gibt gefährliche Sachen wie "Tanz-Ballett", "junge Erfolgstalente" und "Hauptstadt-Metropole." Und jetzt das: Welturaufführung von "Falco meets Amadeus" am Sonnabend im Berliner Theater des Westens. Wenn es bloß mal keine Monduraufführung wird. Und auch keine unterirdische Unterwelt-Uraufführung.

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