Kultur : Auf den Spuren unterdrückter Avantgarde

JÖRG KÖNIGSDORF

Michael Rische, PianistVON JÖRG KÖNIGSDORFProbe mit der Staatskapelle, Interview beim SFB, Präsentation seiner neuen CD im Kulturkaufhaus Dussmann - kaum ist Michael Rische in Berlin angekommen, hetzt er auch schon von Termin zu Termin.Dennoch nimmt sich der Pianist noch eine halbe Stunde Zeit, um noch einmal eindrücklich für das Klavierkonzert von Erwin Schulhoff zu werben.Denn die Werke des 1942 im Internierungslager Wülzburg umgekommenen Komponisten sind immer noch ein Fall für Spezialisten - erst im Zuge der Wiederentdeckung der "entarteten" Komponisten in den letzten Jahren beginnt sich langsam ein breiteres Publikum für die von den Nazis unterdrückte Musik zu interessieren."Schulhoff mit seinem ungewöhnlichen Polystilismus hat es da allerdings weit schwerer als etwa Victor Ullmann, dessen spätromantisch beeinflußte Musik vom Publikum viel leichter angenommen werden kann," erklärt sich Rische diese Vernachlässigung."Außerdem hatte er das Pech, keiner größeren Komponistenclique anzugehören und war auch noch Mitglied in der KP.Deswegen fanden im Osten höchstens mal seine späteren Werke im Stil des sozialistischen Realismus etwas Beachtung, während im Westen in Sachen Schulhoff lange gar nichts passierte." Fast zufällig stieß auch Rische selber vor zehn Jahren auf das erste Schulhoff-Werk, die "Hot"-Sonate für Saxophon und Klavier: "Ein Freund von mir, ein Saxophonist aus Berlin, zeigte mir das Stück, das sogar für den Berliner Rundfunk geschrieben, aber bis dahin nie aufgeführt worden war.Die Art, wie da der Jazz verarbeitet wurde, indem völlig neue rhythmische Finessen und Akkorde auftauchen, faszinierte mich und regte mich an, nach mehr Schulhoff-Musik zu forschen." Das war nicht ganz einfach, vieles von Schulhoff, erläutert Rische, sei auch heute noch nicht verlegt worden.Die Noten für das Klavierkonzert mußte er sich so eigens aus der Originalhandschrift in Prag, der Geburtsstadt des Komponisten, kopieren.Mittlerweile ist Rische aus der interpretatorischen Not heraus nebenbei zum Herausgeber etlicher Schulhoff-Werke geworden und hat zum hundertsten Geburtstag des Komponisten 1994 in Düsseldorf auch für die bislang einzige größere Konzertinitiative in Sachen Schulhoff gesorgt. Doch in den starren Kanon der abonnementskonzerttauglichen Werke läßt sich nur schwer einbrechen.Noch immer, bemerkt Rische nicht ohne einen Anflug von Resignation, hält sich das Interesse in überschaubaren Grenzen, das Konzert mit der Staatskapelle ist eine der seltenen Möglichkeiten, das Werk vorzustellen: "Ich glaube, es ist auch überhaupt erst von zwei anderen Pianisten nachgespielt worden, und dabei ist das Stück höchst unterhaltsam.Nicht nur wegen der Jazz-Verarbeitungen, mit denen Schulhoff damals absolut auf der Avantgarde-Höhe von Strawinsky und Milhaud war.Es ist im Grunde das einzige existierende Dada-Konzert.Im Finale wird mit Autohupe, Ratsche und Amboß Alltagslärm beschworen, Schulhoff verlangt allein acht Schlagzeuger!" Für den Komponisten, erläutert er, sei Jazz ein Mittel zur Provokation gewesen.Der kurzzeitige Debussy-Schüler habe das neue Idiom hier in Berlin, wo das Konzert 1923 auch entstand, durch den provokationsfreudigen Maler und Zeichner George Grosz kennengelernt.Auch wenn dieser Provokationseffekt mittlerweile sicher von anderen Komponisten übertroffen ist, für Stimmung im Saal sorgt das Stück immer noch."Bei der ersten Aufführung, vor einigen Jahren in Augsburg, war eine Stimmung wie bei einem Pop-Konzert.Das werde ich nie vergessen," erzählt Rische .Vielleicht ereignet sich ein solches kleines Wunder ja auch beim Staatskapellenpublikum.Gegenüber Augsburg sollte man doch eigentlich nicht zurückstehen? Michael Rische spielt morgen (Dienstag) und Mittwoch das Klavierkonzert von Erwin Schulhoff mit der Staatskapelle unter Sylvain Cambreling.Konzerthaus 20 Uhr

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