Kultur : Auf den zweiten Blick

Arbeiten des Magnum-Fotografen René Burri im einstigen Notaufnahmelager Marienfelde

Tobias Haberkorn

Der Schweizer Fotograf René Burri war noch nie auf Sensationen erpicht. Seine Maxime lautet: „Manchmal zeigt ein Blick hinter die Kulissen die Zusammenhänge deutlicher, als es ein effekthascherisches Foto kann“. Trotz oder vielleicht gerade wegen des Misstrauens gegen das eigene Medium gelang es dem 1933 geborenen Zürcher, sich mit der Kraft seiner Bilder „aus den Schweizer Bergen herauszuwuchten“ und hinein in die fürchterlichen Realitäten des 20. Jahrhunderts.

Er schuf mit seiner Leica-Kamera Dokumente vom Indochinakrieg und vom zerteilten Europa, er reiste nach Südamerika, Japan und China, um den großen Illustrierten der fünfziger und sechziger Jahre Bilder zu liefern. „Time“, „Paris Match“ und „Stern“ hatten ihre Hoch-Zeiten, und René Burri setzte mit seinen Kollegen von der Pariser Magnum-Agentur, mit Robert Capa, David Seymour und Henri Cartier-Bresson, die Maßstäbe für engagierten Fotojournalismus.

Der 1962 erschienene Bildband „Die Deutschen“ brachte Burri internationale Anerkennung und gehört zu den Standardwerken der Fotoreportage. Dank seines Schweizer Passes konnte Burri nach Kriegsende ohne größere Probleme beiderseits der Zonengrenze arbeiten. Das zerrissene Land, niedergeschlagen und doch im Aufbau begriffen, hatte es ihm angetan. Statt Fakten und Beschlüsse zubebildern, zeigen seine SchwarzweißDarstellungen Umfeld und Atmosphäre deutsch-deutscher Geschichte. Der zweite Blick eben, jenseits von Sensationen, mit oft ins Grobkörnige verlaufenden und perspektivisch verwinkelten Momentaufnahmen.

Eine Bruchstelle des geteilten Deutschlands war das Notaufnahmelager Marienfelde im Berliner Süden, das von 1953 an flüchtigen DDR-Bürgern ersten Schutz und Hilfe für eine Ausreise nach Westdeutschland bot. Im Sommer 1961 kamen pro Tag bis zu 2000 Personen über die noch provisorisch befestigte Berliner Sektorengrenze, allein im August erreichten fast 50 000 Menschen das Westberliner Lager.

René Burri besuchte Marienfelde wenige Wochen vor dem Mauerbau. Seine Fotografien, die nun unter dem Titel „Im Vorzimmer des Westens“ im heute zu einem Museum umfunktionierten Notaufnahmelager zu sehen sind, fangen den Schwebezustand ein, in dem sich die Flüchtlinge befanden. Oft noch in Gedanken bei den Zurückgelassenen, aber fest entschlossen zu einem Neuanfang im Westen , mussten die Menschen ihre Unsicherheit meistern. Aus Burris Bildern sprechen oft Misstrauen und Angst, aber auch Zuversicht. Die DDR-Führung schleuste immer wieder Informanten in das Aufnahmelager. Wer es einmal hierher geschafft hatte, konnte also kaum mehr zurück, wollte er nicht der Republikflucht angeklagt werden.

Die abgebildeten Männer und Frauen stehen meist in Reihen an, warten auf eine medizinische Untersuchung, einen Stempel oder eine warme Mahlzeit. Viele wenden die Gesichter von der Kamera ab, um unerkannt zu bleiben. Es herrscht eine merkwürdige Stille aufs Burris Fotografien, und doch kommuniziert die Körpersprache der Menschen etwas: Wir wollen weg. Burri fotografierte durch Fensterscheiben oder von höheren Stockwerken auf die Menschentrauben, er zeigt wartende Menschen unter Regenschirmen und legt das Gewicht mal auf die szenische Dynamik einer Personenkonstellation, mal auf den abgebröckelten Bordstein im Vordergrund, um jedem Foto die Deutungshoheit über die Realität zu verleihen. Denn, so sagte der heute in Paris lebende Burri einmal, „Fotos sind Allegorien, und die können oft stärker sein als die Sache selbst.“

— Im Vorzimmer des Westens – Fotografien von René Burri im Notaufnahmelager Marienfelde, Marienfelder Allee 66–80, bis 19.8., geöffnet Di. bis So. 10–18 Uhr

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