Kultur : Auf der anderen Saite

Halbtonschritte unterm Halbmond: Nuri Karademirli leitet in Kreuzberg Europas einziges Konservatorium für türkische Musik

Udo Badelt

Nuri Karademirli greift zu einer schönen, schwarz-weiß gemaserten Ud, einer Kurzhalslaute aus Holz. „Das türkische Tonsystem“, hebt er an, „kennt neben den zwölf Tönen, die die abendländische Kunstmusik verwendet, noch zwölf weitere. Wir benutzen 24 Töne, die aber ungleich verteilt sind.“ Klingt kompliziert. Doch dann fängt Karademirli an, auf der Ud eine traditionelle türkische Melodie zu spielen, zunächst nur mit den bekannten zwölf Tönen, dann mit den zusätzlichen sogenannten Kommatönen. Seine Finger bewegen sich nur minimal über die Saiten, ein Unterschied ist kaum auszumachen. Aber zu hören. Plötzlich klingt die Melodie viel differenzierter, schlanker, beweglicher, und man fragt sich unwillkürlich, wie es die Europäer fertigbringen, zwölf Töne für ausreichend zu halten.

Genau aus diesem Grund gibt es das Konservatorium für türkische Musik, das Nuri Karademirli in einem Kreuzberger Hinterhof an der Solmsstraße unterhält. Den meisten hierzulande ist die musikalische Tradition der Türken vollkommen unbekannt. Umgekehrt sieht es nicht besser aus: Selten sieht man Türken in den Tempeln der deutschen Hochkultur, in der Philharmonie oder in einem der Opernhäuser. Es herrscht Funkstille. Seit dieser Saison allerdings gibt es von deutscher Seite die ersten Versuche, die starren Verhältnisse aufzubrechen, die Berliner in orientalische Klänge einzuführen und die Türken in die Konzerthäuser zu locken, damit sie ihre eigene und die abendländische Musiktradition besser kennenlernen. Die Berliner Philharmoniker beispielsweise laden mit ihrer eher intellektuell angelegten Reihe „Alla turca“ in den Kammermusiksaal: Abendländische und orientalische Traditionen werden dort thematisch einander gegenübergestellt und verglichen.

Anders sieht es in der mehr ans Gefühl appellierenden Reihe „Klangkulturen“ der Rundfunkorchester und -chöre (ROC) aus. Das erste Konzert am 24. Oktober war ein voller Erfolg. Hunderte türkische Zuhörer bevölkerten die Ränge der Philharmonie und jubelten dem Dirigenten Ibrahim Yazici oder dem Pianisten Fazil Say zu, der sein selbst geschriebenes Klavierkonzert „Silence of Anatolia“ spielte. Doch der eigentliche Mittelpunkt des Abends war Nuri Karademirli, der bescheiden wirkende, Ruhe ausstrahlender Leiter des Berliner Konservatoriums, der mit seinem kleinen Ensemble erst so richtig morgenländischen Charakter in die Philharmonie brachte und eine von ihm als Auftragswerk komponierte Suite dirigierte, die ganz aus Bewegung und Tanz zu bestehen schien.

Gernot Rehrl, der Intendant der ROC, der die Idee zur vierteiligen interkulturellen Reihe hatte, holte sich Karademirli als Partner: Er hätte keinen besseren Experten finden können. Denn das Konservatorium ist das einzige seiner Art nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Karademirlis Wunsch: türkische Musik in Deutschland bekannter zu machen – „so bekannt wie Tarkan. Der ist zwar Popmusiker, aber er benutzt ganz traditionelle türkische musikalische Formen und melodische Akzente, zum Beispiel den 5/4- oder den 9/8-Takt, der in Europa unmöglich wäre.“

Nuri Karademirli lebt seit vierzig Jahren in Berlin, seine Wurzeln aber liegen in der Türkei. Geboren wird er 1950 in Izmir. Zur Musik gelangt er durch seine Mutter. Die will Geige lernen, nimmt Unterricht. „Aber die Lehrer blickten auf mich und meinten: Lassen Sie mal lieber den Jungen ran“, erzählt er lächelnd. Bis zu seinem siebten Lebensjahr häuft der kleine Nuri in Noten- und Harmonielehre das theoretische Wissen eines Erwachsenen an, aber ein Instrument spielt er nicht. Dann erlernt er innerhalb von zwei Tagen die Langhalslaute Tambur, die „Mutter unserer Instrumente“, wie er sagt. Mit elf ist er ein Meister auf dem Instrument. Mit 13 stellt ihn das Radioorchester der Stadt Izmir ein. Später geht er nach Istanbul, um bei besseren Meistern noch besser zu werden. Wie es türkischer Brauch ist, zahlt er für diesen Unterricht nichts. Was zählt, ist seine Begabung.

Den großen Einschnitt in seinem Leben markiert das Jahr 1969: Für ein Konzert in der Deutschlandhalle mit der Sängerin Ceki Müren kommt er nach Berlin. Seine Mutter wird hier schwer krank, liegt eineinhalb Jahre im Waldkrankenhaus Spandau im Koma. Karademirli bleibt und finanziert Krankenhausrechnung und Eigenes notdürftig mit Musik. Nach der Genesung der Mutter hat er sich in Berlin so weit etabliert, dass er bleibt. Er schafft es zum Abteilungsleiter im KaDeWe. Jahrelang pflegt er die türkische Musik, doch erst spät, 1998, gründet er das Konservatorium.

Heute bedauert er, fast 30 Jahre damit gewartet zu haben. Denn er hält die Türken in Berlin für sehr musikalisch. Das Konservatorium, als Hochschule staatlich anerkannt, ist beliebt. Zurzeit studieren dort 212 Musiker zwischen sechs und 30 Jahren, 20 Prozent sind Nichttürken, also Deutsche, Franzosen, Griechen oder Araber. Zunächst müssen alle zwei Jahre lang die Grundlagen der europäischen Musik auf dem Klavier lernen, bevor sie sich auf ein türkisches Instrument spezialisieren. Dafür zahlen sie zwischen 100 und 160 Euro im Monat. Eine Investition, die sich lohnt: „Nur wenn ein Mensch seine eigene Kultur kennt, kann er sich auch überzeugend in fremden Kulturen bewegen“, findet Karademirli.

Der zweite Teil der „Klangkulturen“ fängt bei den Kindern an und widmet sich dem Märchen. Das Rundfunk-Sinfonie-Orchester unter Michael Sanderling spielt die traurige Geschichte von „Leyla und Mishun“, die in der ganzen arabischen Welt bekannt ist und oft vertont wurde, in einer Version des türkischen Komponisten Yalcin Tura für Ud, Tambur, Nay (Schilfrohrflöte), Kemance (Kniegeige) sowie Bendir und Daburka (Trommeln). Nach der Pause folgt dann mit Camille Saint-Saëns’ „Karneval der Tiere“ das europäische Gegenstück. Guido Hammesfahr, der neue Fernsehmoderator von „Löwenzahn“, und die Radiomoderatorin Asli führen durch das Programm. Im Anschluss dürfen die Kinder orientalische und westliche Instrumente anfassen und ausprobieren. Vielleicht kommen einige auf den Geschmack – sie müssen das neue Instrument ja nicht unbedingt in zwei Tagen erlernen.

„Klangkulturen märchenhaft“, heute 16 Uhr, Konzerthaus. Der nächste „Alla turca“-Abend findet am 4. Februar statt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar