Kultur : Auf der Flucht

Argentinische Melancholie: der Film „Kamchatka“

Hendrik Lakeberg

Tuschelnd sitzen Harry und sein bester Freund im Klassenzimmer. Der Lehrer doziert vor sich hin. Für die beiden ist er nur eine Klangtapete. Bis umflutet von gleißendem Licht in der Tür Harrys Mutter erscheint. Schon wird er wird aus dem Unterricht gerissen. Vater, Mutter und der jüngere Bruder quetschen sich in den Citroën und verlassen fluchtartig die Stadt. Ein Anflug von Panik steht in den Gesichtern der Eltern. Doch vor den Kindern reißen sie sich zusammen. Harry ahnt es noch nicht, aber seine Welt ist aus den Angeln gehoben.

Buenos Aires, Mitte der siebziger Jahre kurz nach dem Putsch von General Videla: Harrys Eltern werden als Oppositionelle verfolgt und verstecken sich in einem abgelegenen Landhaus. Aus der Perspektive des zehnjährigen Harry erzählt „Kamchatka“ – basierend auf Marcelo Figueras gleichnamigem Roman – eine schmerzhafte Familiengeschichte. Regisseur Marcelo Piñeyro vermeidet den dokumentarischen Blick auf die argentinische Militärdiktatur, zeigt keine wuchtigen Bilder von Panzern und Polizeieinsätzen. Im Gegenteil: Das sattgrüne Hochland, durch das Harry (Matías Del Pozo) mit seiner Familie fährt, ist menschenleer und von epischer Schönheit. Die Flucht schweißt die Familie zusammen. Aus den warmtonigen Bildern der gemeinsamen Abende leuchtet magische Innigkeit: Vater (Ricardo Darín), Mutter (Cecilia Roth) und Harrys kleiner Bruder tanzen zu dritt und eng umschlungen. Aus den Boxen schallt ein ausgelassener Popsong. Das dichte Gestrüpp um das Landhaus inszeniert Piñeyro als einen Zauberwald aus Morbidität und Melancholie. Die Kinder fischen ertrunkene Kröten aus dem laubverschmutzten Pool. Auf einem Schrank findet Harry ein Buch über den Entfesselungskünstler Houdini. Von nun an will er Houdini nacheifern und trainiert manisch seine körperliche Fitness.

Piñeyros filmischer Blick reicht nicht weiter als die Grenzen von Harrys Wahrnehmung. Genau darin liegt der universelle Kern von „Kamchatka“. Denn im Gegensatz zu seinen Eltern ist es keine abstrakte politische Wut, die Harry umtreibt, sondern das kindliche Gefühl von Hilflosigkeit. So löst der Regisseur sein Thema aus dem historischen Setting. Dass „Kamchatka“ in Argentinien spielt, ist irgendwann beinahe zweitrangig. Aber nur beinahe.

In Berlin im Kino Central

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