Kultur : Auf der Spur

Lob der Tragödie

Kerstin Decker

Ein Mann steht am Meer, allein, er kann bis zum Horizont sehen. Seltsam, wir haben gemeinhin eine Sympathie für Menschen, die allein am Meer stehen, so klein am Rand einer Unendlichkeit. Ganz zum Schluss wird dieser Theo wieder hier sein – fast drei Stunden später für uns. Drei Stunden wie ein Exerzitium. Nicht jeder, der aufs Wasser guckt, lernen wir bald, ist ein Caspar-David-Friedrich-Typ, der schon gar nicht.

Die erste Vergewaltigung der Fahrradfahrerin in den Dünen am Meer ist von einer solchen Schonungslosigkeit, von – trotz allem Vorwissen – so angreifender Gewalt, dass man wegschauen möchte, es aber unmöglich kann. Die Dezenten, die Caspar-David-Friedriche unter den Filmemachern hätten jetzt vielleicht nur das umgestoßene Fahrrad gezeigt. Glasner zeigt alles. Und Jürgen Vogel kann wie nur wenige Schauspieler den Eigen-Sinn des Körperlichen sichtbar machen. Aber das Schlimme ist: Da ist eben kein Sinn mehr, da ist bloße Archaik, ungezügelte Bestialität. Der Körper ist älter als der Geist, das wissen wir.

Müssen wir das sehen?, fragen die Skeptischen und all jene, die den „Freien Willen“ zum schlechtesten Film der letzten Berlinale erklärten. „Grbavica“ hatte es doch auch nicht nötig, die Szene zu zeigen, die die Mitte von allem war: eine Vergewaltigung. Unterscheidet sich ein guter von einem schlechten Vergewaltigungsfilm nicht dadurch, dass er den Purismus des Zeigens gar nicht nötig hat? Und dass „Der freie Wille“ im Zeigen auch noch so gut ist, macht ihn das nicht um so schlechter?

Doch, wir müssen das sehen. Weil „Der freie Wille“ ein Film über einen Vergewaltiger ist, nicht über ein Opfer, wie „Grbavica“. Weil ihm sonst die Fallhöhe fehlte, der Kontrastgrund. Wäre diese Szene nur im Ansatz latent „tatort“-verdächtig, Glasner hätte den Film gar nicht zu drehen brauchen. Sofort wird das Irritierende spürbar, befremdlich und merkwürdig begreifbar: Nicht Lust treibt diesen Theo, sondern tiefster Hass aus Schichten, die von Individuation nichts wissen. Dieser Theo hasst ja nicht das Mädchen, das er vom Fahrrad stößt, er hasst die Frau in ihr. Er vergewaltigt nicht aus einem permanenten Unterlegenheitsgefühl heraus. Auch nicht wie der naive Mann, der es nicht erträgt, wenn das Objekt der Begierde sich abwendet. Er vergewaltigt auch nicht wie Soldaten, die das Übermaß eigener Anspannung und Angst abreagieren – jenes Unrecht am Individuum, das jeder Krieg ist. Und zugleich besiegen sie den Feind noch einmal, indem sie seine Frauen - bloße Gefäßnaturen? - in Besitz nehmen.

Zur Illustration des Streits unter Philosophen und Theologen, ob des Menschen Wille ein freier Wille ist oder nicht, müssen wir „Der freie Wille“ nicht sehen. Auch ist unser Wille frei genug zu sagen: Ich will keinen Film über einen latent-tragischen Vergewaltiger sehen! Und doch ist „Der freie Wille“ gut, nicht nur, weil er gut gemacht ist, sondern weil er wie alle wichtigen Filme auf seine Art ohne Vorbild ist und etwas sehen lässt, das wir gemeinhin nicht zu sehen bekommen. Die ältesten Mythen wissen von dieser Urfeindschaft des Männlichen und Weiblichen, und nun kommt so ein Film und zeigt geradezu einen Archetypus: Da ist dieser unzähmbare Widerwille gegen das rein Weibliche, gegen das Prinzip Fruchtbarkeit, gegen die Schoßnatur, die ziellos hervorbringt und wieder verschlingt – Widerwille, ja Hass gegen den Urschlund.

Es ist kein Zufall, dass das Mädchen (mit berührender Hingabe: Sabine Timoteo), mit dem Theo endlich leben und das ihn vor sich selbst bewahren könnte, fast ein Jungenmädchen ist. Für ihn ist Sex offener Hass, mit ihr könnte das anders werden. Großartig der Moment, als er jäh erkennt, dass niemand seine Existenz einem anderen überantworten kann. Die Einsicht steht nur in seinen Augen – im selben Moment ist er verloren, für sich, für das Mädchen. Und wird wieder Theo, das Vieh, der Repräsentant des sexuellen Terrors.

Die moralische Art der Weltbetrachtung denkt hier hauptsächlich in Begriffen wie Sicherungsverwahrung. Das ist ihr Recht, auch ihre Pflicht. Das Recht eines Films ist es, diese Wahrnehmung zu weiten. Glasner wollte den Triebtäter „entdämonisieren“, aber das wäre noch ein recht schlichter pädagogischer Vorsatz. Er hat mehr getan. Man erkennt es daran, dass „Der freie Wille“ sich nicht einmal fragen lassen muss, wie repräsentativ dieser Theo für den Typus des Vergewaltigers ist. Ob eine so läuterungswillige, friedfertige Großhirnrinde wirklich öfter zu einem solchen Stammhirn gehört? Glasner und Vogel haben diesen Archetypus Theo erschaffen, mitten unter uns – das ist die ästhetische Form der Rechtfertigung.

Wir haben uns angewöhnt, unser Sexualleben als Intimleben zu bezeichnen – dabei sind Menschen nie so allgemein wie in den Augenblicken ihres vermeintlichen Intimlebens. Der intime Raum als ein Nähe-Raum im Kleinsten entsteht durch anderes. Theo ist es nicht möglich, sich und einer Frau diese Welt zu schaffen. Das ist eine tragische Konstellation. „Tragisch“ bezeichnet im Kern auch keine moralische Erhöhung. Es heißt: ausweglos, unheilbar.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben