Kultur : Auf der Straße

Frank Noack

Wenn sich Eltern um ihre Kinder sorgen, liegt das im Augenblick an der Gewaltdiskussion. Wird mein Kind in der Schule bedroht? Oder bedroht es andere? Daneben sind noch Probleme wie Essstörungen und Übergewicht zu bewältigen. Und eine Lehrstelle wäre auch ganz nett. Die Angst, das Kind könne auf dem Strich landen, ist dagegen völlig verschwunden. Sie war zur Zeit der Inflation und der Weltwirtschaftskrise allgegenwärtig; in den biederen fünfziger Jahren ist diese Angst ein letztes Mal geschürt worden. Romane und Filme warnten vor den Gefahren der Großstadt, vor sittlichem Verfall, begünstigt durch Armut und pubertäre Aufsässigkeit. Nicht nur die Trivialkultur hat sich dieses Themas bedient: Die freudlose Gasse (1925) von G.W. Pabst gehört definitiv zum Kanon der Filmkunst (Freitag im Zeughauskino). In besagter Gasse stehen die Frauen beim Fleischer an, der sich am liebsten mit Fleisch bezahlen lässt. Pabst schafft demütigende Situationen, bis sich endlich die Wut der Unterdrückten entlädt. Für die Hauptrolle einer edlen Beamtentochter, die ahnungslos in einem Bordell landet, konnte er Greta Garbo gewinnen, und Asta Nielsen stand ihr als alternde Dirne zur Seite. Die Partywelt der zwanziger Jahre hat kein anderer Film so eindringlich zelebriert und demaskiert.

Nachdem die Prostitution entdämonisiert wurde, blieb den Filmemachern immer noch die Zwangsprostitution als Konfliktstoff. Massimo Dallamanos Der Tod trägt schwarzes Leder (1974) wagt sich an das Problem der Kinderprostitution, aber aufrichtiges Engagement sollte man nicht erwarten. Das Babylon Mitte zeigt den spekulativen Thriller in seiner Reihe „Schräge Filme“ (Sonntag). Er ist ein Muss für die Liebhaber von Italo-Trash, mit Mario Adorf in einer Hauptrolle.

Billy Wilders Boulevard der Dämmerung (1950) ist der Klassiker zum Thema „Alternde Schauspielerin, die ewig jung bleiben möchte“ (Freitag und Sonnabend im Zeughauskino). Dass Norma Desmond (die 51-jährige Gloria Swanson) auf junge Rollen und auf einen jungen Mann (der 31-jährige William Holden) scharf ist, wurde damals als unerhörte Tabuverletzung empfunden, über die Demi Moore und Ashton Kutcher nur lachen können. Um die Zensoren zu besänftigen, zeichnete Wilder die reife Frau mit Sexualtrieb als Neurotikerin und den jungen Mann als käuflichen Versager.

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