Kultur : Auf die Alm!

Erich Langjahr dokumentiert moderne „Hirtenreisen“

Silvia Hallensleben

Auch in ihren Kinogewohnheiten sind die Schweizer eigensinnig. So feiern sie seit Jahren mit Erich Langjahr einen Dokumentaristen, der sich leidenschaftlich und präzis in einer großen Trilogie mit untergehenden europäischen Lebens- und Wirtschaftsformen beschäftigt. Nach der „Sennenballade“ und dem „Bauernkrieg“ geht es in der „Hirtenreise ins dritte Jahrtausend“ um Menschen, die beruflich uralte Traditionen mit spätkapitalistischen Outsourcing-Praktiken verbinden: Denn auch fremder Leute Schafe hüten ist erstmal nur eine Dienstleistung. Doch es ist auch ein widerständiges Beharren, das diese letzten europäischen Nomaden umtreibt, in ihrer unmittelbaren Verbundenheit mit Natur und Tier. Und das ohne Schäferidylle: Die Weidezüge sind durch Industrieanlagen zerschnitten und pestizidverseucht, die Verwertung mit Schlachthof, Seuchenprophylaxe und Tier-Großtransportern ist immer präsent. Einer der beiden porträtierten Lohnhirten lässt seine Hütte gar per Hubschrauber auf der Alm absetzen. Kommentiert wird hier nichts: Dennoch bezieht Langjahr deutlich Position, indem er die bedächtigen Zeit- und Raumbezüge seiner Protagonisten im Film reproduziert. Geduldig wartet die Kamera, bis auch das letzte Schäfchen den Wasserlauf übersprungen hat. Und auch in der Produktionsweise passt sich der Regisseur dem Lebensrhythmus der Hirten an – sieben Jahre Drehzeit, zweieinhalb Jahre Schnitt, in fast handwerklicher Heimproduktion. Vielleicht ist es beim Filmemachen ja wie beim Käse: Es gibt viele unterschiedliche Möglichkeiten, der Substanz Geschmack abzuringen. Bei Langjahr entfalten sich zwischen Grasaromen und Kaseinen diskret die „elementaren Fragen menschlicher Existenz“. Und plötzlich ist die Schweiz überall. (Nur im Kino Eiszeit)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben