Kultur : Auf die Barrikaden

„Black Holes And Revelations“: Die britische Rockband Muse zielt aufs Absolute

Kolja Reichert

Aliens werden kommen oder das Fegefeuer oder die Sintflut, und was es auch sein wird, sie werden einmal kräftig reinemachen. Unheilvolles Synthesizer-Gefiedel wie aus einem Science-Fiction-Film öffnet den Raum für den priesterlichen Gesang Matthew Bellamys, der die korrupte Elite in die Hölle schickt: „You’ll beholden for all that you’ve done ... You will burn in hell for your sins.” Ihr werdet für eure Sünden in der Hölle schmoren.

In „Take A Bow“, dem Opener des vierten Albums der englischen Band Muse, das jetzt erscheint, ist jugendlicher Zorn einer prophetischen Gewissheit gewichen. Die apokalyptische Haltung und der vibrierend nölende Gesang erinnern stark an Radiohead, deren Schatten über Muse hängt, seit die drei Jungs aus Devon, gerade 20-jährig, mit ihrem Debüt „Showbiz“ den Sprung auf die großen Bühnen schafften.

Die Verbindungslinien, die von der Musikpresse zu Radiohead gezogen wurden, gingen allerdings nie ganz auf. Muse haben nicht diesen weltabgewandten Blick nach innen. Sie waren immer extrovertierte Stadionrocker, die aufs Emotional-Absolute zielten. Der schmächtige Matthew Bellamy ist vor Publikum ganz Diva und schraubt seine Falsettstimme in immer weitere Höhen. Dazwischen gelingen Muse zauberhaft zarte Balladen, jeder Ton dem Wahnsinn nahe. Diese Aufgeregtheit kann anstrengend sein. Muse erspielten sich dennoch eine immer größere Beliebtheit. Ihr letztes Album „Absolution“ verkaufte sich über zwei Millionen Mal. Die Tour führte die Mittzwanziger auch in die USA, wo sie plötzlich wieder in kleinen Clubs spielten.

„Black Holes And Revelations“ spielten Muse in den Electric Ladyland Studios in New York ein, hin und wieder kam David Bowie zu Besuch. Muse hatten offenbar in der Fremde Gelegenheit, einen neuen Blick auf sich selbst zu gewinnen, und klingen jetzt um einiges lockerer. Sie haben die Selbstironie entdeckt. Frech spielen sie mit der Musikgeschichte, lassen Queen-Gesänge auf Mariacchi-Bläser treffen und knallen mit der ersten Single „Supermassive Black Hole“ einen mitreißenden Funk-Stampfer mit Prince-Falsett auf die Tanzfläche.

Nachdem die großartigen Muse-Melodien früher oft in ziellosem Lärmgewitter erstickten, darf jetzt jeder Ton sprechen. Wer so entspannt daherkommt, dem kauft man auch gerne das überdrehte Pathos einer Wüstenreiter-Hymne wie „Knights Of Cydonia“ ab: „No one’s gonna take me alive“, singt da ein Freddie-Mercury-Chor, „the time has come to make things right.“ Trommelgalopp trifft Glamrock – irre und witzig.

Dass die Band trotz ihrer eklektizistischen Fassadenspiele immer noch Gefühle zeigen kann, beweist der schaurig-traurige Grabgesang „Soldier’s Poem“, zu dem vor dem inneren Auge verzweifelte Soldaten in Zeitlupe durch den Wüstensand robben, „so far away from home.“ So allein gelassen mit einem Krieg, dessen Regeln sich ihnen verschließt. „There’s no justice in the world and there never was“, verwirft Bellamy düster jede Hoffnung auf irdische Gerechtigkeit.

„Black Holes And Revelations“ ist ein futuristischer, knallbunter Trip. Dabei meinen Muse ihre Botschaften bitter ernst. „Ich würde mich nicht schämen, auch einen kleinen Aufstand anzuzetteln, wenn’s für eine gute Sache wäre“, sagt Bellamy. Das ist der abgeklärt-entspannte Ton heutiger Weltverbesserer. Doch zaghaft ist der Brite nicht. „Ich glaube, wir kommen der Zeit der globalen Revolution immer näher.” Da klingt wieder das Absolute durch.

Muse liefern nicht mehr den Soundtrack für den Herzschmerz, sondern für den Widerstand: „Aim, shoot, kill your leaders / Oppose and disagree / destroy demonocrazy”, ruft der Progrocker „Assassin“ zu den Waffen gegen postdemokratische Herrschaftsmonopole. Greift zu den Waffen. Tötet die Führer. Und vor allem – geht tanzen!

Muse, „Black Holes And Revelations“ ist bei Warner Music erschienen.

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