Kultur : Auf die Dächer!

Benjamins Brittens „Kleiner Schornsteinfeger“ mit Kindern für Kinder an der Komischen Oper

Sybill Mahlke

„Feg! Feg!“ Das Lied der Schornsteinfeger fegt über das Publikum hin, ehe man sich’s versieht. Eine charmante Überrumpelung, denn die Schar kleiner Schornsteinfeger, adrett angetan mit schwarzem Habit und gelbem Seil, singt so akkurat wie die Erwachsenen, die mit ihren Männerstimmen dazukommen: Robert, ein brutaler Schornsteinfegermeister (Johannes Schmidt) und Clem, sein Assistent (Tobias Keil). Eltern ist zu empfehlen, was begleitende Lehrer gewiss ohnehin leisten: die jungen Zuschauer vor dem Opernbesuch auf den abrupten Einstieg vorzubereiten. Mit dem Verstehen wird ihre Theaterfreude größer sein.

Der Komponist Benjamin Britten und sein Textdichter Eric Crozier haben nämlich den „Kleinen Schornsteinfeger“ dreiaktig angelegt: Die ersten beiden Akte haben Schauspielform und zeigen die Vorbereitungen und Proben zu der Kinderoper, die im dritten Akt vorgeführt wird. Das bedeutet Zeit für Erklärungen, Zeit auch, die Musik kennen zu lernen. Daher der Titel „Let’s Make an Opera“, unter dem das Stück 1949 von Brittens Aldeburgh-Festival aus seinen „Siegeszug“ antrat. Der machte im Berlin der Fünfzigerjahre gleich mehrmals Station.

Die betulichen Einführungsakte wegzulassen, ist das gute theaterpraktische Recht der Komischen Oper Berlin. Allerdings lässt sich aus ihnen entnehmen, dass das Stück über Kinderarbeit und die fabelhafte Rettung des armen kleinen Schornsteinfegers durch reiche Kinder auf eine wahre Begebenheit zurückgehen könnte.

Es ist die Epoche des 19. Jahrhunderts, in der Charles Dickens geboren wurde. Dessen Großmutter diente als Haushälterin in einem englischen Adelshaus. Da sie den Kindern fesselnde Märchen erzählte, muss sie eine freundlichere Haushälterin gewesen sein als das Fräulein Baggott, das in der Oper von den Kindern gehasst und überlistet wird (Christiane Oertel mit imposanter Soloszene).

Streichquartett, Schlagzeug, Klavier und Pauken werden von dem Dirigenten Wolfgang Wengenroth so umsichtig gelenkt, dass die Inszenierung von Jetske Mijnssen mit der Ausstattung Solita Stuckens dem feinen Musizieren ihre Trümpfe anpassen kann. Ob Lied, Ensemble, Rundgesang, Marsch oder finales Kutscherlied mit Pferdegetrappel: Hier waltet eine pantomimisch-choreografische Erfindungsgabe, die nicht einengt, sondern die Darsteller in ihren bunten, bortengesäumten Kostümen animiert. Die Requisiten „stimmen“, von der Badewanne über das Plüschtier aus dem gemalten Spielschrank bis zur „falschen“ Tintenspur, die zwecks Täuschung gelegt wird. Und sie stimmen vergnüglich.

Vor allem aber bezaubert der von Christoph Rosiny einstudierte Kinderchor, weil er den berühmten großen Chorsolisten der Komischen Oper mit erstaunlicher Gewandtheit und Schauspielfreude nacheifert. Kleiner Schornsteinfeger – Glücksbringer zum Jahreswechsel.

Wieder am 19. und 26. Dezember sowie am 2. und 7. Januar, 8. und 9. Februar

0 Kommentare

Neuester Kommentar