Kultur : Auf die Nase kommt es an

Die britische Künstlerin Fiona Banner träumt mit Snoopy von Kampfjets

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Gegenangriff. „Snoopy Vs The Red Baron“ von 2011 ist bei Barbara Thumm zu sehen. Foto: Courtesy the artist, Galerie Barbara Thumm/ Nici Wegener
Gegenangriff. „Snoopy Vs The Red Baron“ von 2011 ist bei Barbara Thumm zu sehen. Foto: Courtesy the artist, Galerie Barbara Thumm/...

Am Anfang trifft eine Kugel direkt ins Herz. Der deutsche Kampfpilot Manfred von Richthofen stirbt 1918 im Gefecht – der Tod macht ihn zum Mythos. 80 Flugzeuge soll der „Rote Baron“ abgeschossen haben, so viele wie kein anderer. Später hat Charles M. Schulz die Comicserie Peanuts erfunden und mit ihr Snoopy, den Hund von Charlie Brown. Meistens träumt er auf dem Dach seiner Hundehütte vor sich hin und stellt sich zum Beispiel vor, wie er in einem Doppeldecker gegen den Roten Baron kämpft.

1966, landete die amerikanische Band The Royal Guardsmen dann einen Hit mit „Snoopy vs. The Red Baron“, und noch einmal 45 Jahre später nennt Fiona Banner ihre Ausstellung in der Galerie Barbara Thumm nach diesem Song. Aber die britische Künstlerin wiederholt nicht einfach nur die Assoziationen der anderen, sie rückt ab vom historischen Hintergrund, geht auf Distanz zur der Mythenbildung.

Abstand gewinnen muss man auch vor dem glänzenden Flügel eines Kampfflugzeugs, der senkrecht ins spitze Dach der Galerie hineinragt (110 000 Euro). Die aerodynamische Form und die Größe dieses objet trouvé sind beeindruckend, das hochglanzpolierte Metall blendet. Doch da der Solitär nun mal Teil eines Kampfflugzeugs ist, schwingt bei aller Schönheit auch Gräuel mit. Fiona Banner, geboren 1966, spielt gerne mit solchen Gegensätzen. Sie hat Wörter in die Oberfläche geritzt: „Tornado“. Oder „Not Moving. Breathing.“ Das liest sich wie die Anweisung für einen, der im Gewehrfeuer ums Überleben bangt. Man muss genau hinschauen, nicht alles ist gut lesbar.

Ähnlich subtil bleiben die Notenblätter zum Song der Royal Guardmen, den Banner zu einer Fuge umkomponiert hat. Als Titelblatt wählte sie das Emblem des Freiherrn von Richthofen, ins Wappen hat sie Snoopy gesetzt und treibt so die Absurdität der Liaison auf die Spitze. Aus Dur wurde Moll, dazu hat sie die Namen all derer, die der Kampfflieger abgeschossen hat, unter die Noten geklebt. Ein Akt der Erinnerung, der Ehrung. Und eine deutliche Stellungnahme zum Roten Baron, der noch heute Stoff für Legenden ist. Der Kinofilm „Der Rote Baron“ vor drei Jahren mit dem smarten Matthias Schweighöfer in der Hauptrolle musste sich den Vorwurf gefallen lassen, dass der Flieger allzu positiv dargestellt wurde.

Banner war 2002 für den Turner Prize nominiert, ihre Werke sind im Museum of Modern Art in New York oder in der Londoner Tate Gallery zu sehen. Bei Barbara Thumm geht sie ihren künstlerischen Weg unbeirrt weiter und schafft doch neue, spielerische Aspekte. Zum Beispiel bildet sie das Konterfei von Snoopy in Form von zwei Fragezeichen aus Leuchtröhren nach („Beagle Punctuation“, 16 000 Euro). Interpunktion beschäftigt die Künstlerin seit langem. So setzte sie etwa übergroße, dreidimensionale Punkte in die Stadtlandschaft, als müsse sie der Welt Einhalt gebieten.

Der Flugzeugflügel leitet den Besucher zu einer weiteren Arbeit. Banner hat die Lackierung der Tragfläche entfernt, nun spiegelt sich der Betrachter in der nackten Oberfläche, im „Nude Wing“. Gegenüber lehnen 66 Lehrbücher über Aktmalerei: Erstmals stellt die Künstlerin hier ihre „Life Drawing Drawings“ aus (je nach Umfang 25 000 – 69 000 Euro). Jedes einzelne Cover hat die Britin abgezeichnet, mit Strichcodes und Preisaufkleber. So realistisch der Effekt, so abstrakt die Beschäftigung mit dem Akt: Für frühere Werkserien hatte Banner das nackte Modell mit Worten beschrieben, statt sie zu zeichnen. Dahinter steckt die Idee, dass es für die Realität immer nur Zeichen geben kann, umschreibende Platzhalter.

Dieses Mal geht Banner noch einen Schritt weiter, ähnlich wie bei ihrer Arbeit über Snoopy und den Roten Baron: Die Bücher sind erstens keine Aktmalerei, handeln zweitens nur davon, drittens lässt Banner die Seiten leer. Die abgebildeten Körper wären auch nur Stellvertreter gewesen. Vom Gesamtbild des menschlichen Körpers zoomt Banner dann noch an einen kleinen Ausschnitt heran, die Nase. „Nose Art“ nennt sich jene Gepflogenheit, Maskottchen auf die Schnauze eines Kampfjets zu malen. Banner arrangiert eine Fotografie, die Snoopy auf einem Tornado ZA471 zeigt, mit einem Richthofen-Porträt. „Posthum“ steht unter der Fotografie (Auflage: 3, je 5400 Euro). Snoopys Rakete zielt direkt auf die Nase des Kampfpiloten.

Galerie Barbara Thumm, bis 2. Juli, Markgrafenstraße 68, Di–Sa 11–18 Uhr.

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