Kultur : Auf die Plätze

Auch die Deutsche Oper widerspricht Schindhelm

Christine Lemke-Matwey

Man fühlt sich an ein rückwärts laufendes Dominospiel erinnert: Klapp klipp, klapp klipp macht es, und fein säuberlich, wie von Zauberhand, richten sich alle Steinchen wieder auf. Ihr Zeremonienmeister? Klaus Wowereit, Berlins neuer Kultursenator. Jahrelang lagen die Berliner Opernintendanten platterdings in Deckung, heuchelten schweigend Solidarität. Nun, da klar ist, dass das Reformpapier des Gerade-Noch-Stiftungsdirektors Michael Schindhelm Wowereits Zustimmung nicht finden wird, melden sie sich zu Wort. Erst Andreas Homoki, der Chef der Komischen Oper, in Einzelgesprächen (vgl. Tagesspiegel vom 22.11.), und gestern Kirsten Harms, die Herrin über die Deutsche Oper, im Rahmen einer Pressekonferenz. Jetzt reden wir. Ohne dass wir allzu viel zu melden hätten.

Dabei könnte der intendantische Tenor einträchtiger nicht sein. Wie Homoki lehnt Harms Schindhelms Ideen ab, insbesondere natürlich die von einem Semi- Stagione-Betrieb an der Bismarckstraße. Zwar weiß auch sie nicht, warum ein Papier, das die Tonne der Kulturverwaltung im Grunde nie verlassen hat, öffentlich diskutiert wird, doch die inhaltlichen Argumente dagegen scheinen klar. Semi- Stagione, so Harms, bedeutete für die Deutsche Oper ein „unkalkulierbares Einnahmerisiko“ (weil der Berliner Fan eben nicht denselben Geschmack hat wie der in Barcelona oder Wien); Coproduktionen seien erwiesenermaßen „unrentabel“; die Inthronisation des Stiftungsdirektors als neuer „geschäftsführender Intendant“ griffe unbotmäßig in die Autonomie der drei Häuser ein; und überhaupt käme der Deutschen Oper innerhalb eines internationalen „Opernkartells“ jeder gesellschaftliche Auftrag und jedes künstlerische Profil abhanden: „Die Politik muss wissen, ob sie die Opernwelthauptstadt Berlin will oder nicht.“

Axel Baisch, geschäftsführender Direktor an der Bismarckstraße, soufflierte die nötigen Zahlen: Einerseits würden entgegen Schindhelms Analyse die „positiven Deckungsbeiträge“ des Hauses spätestens 2009/10 erreicht (was einer Million Euro Gewinn pro Jahr entspricht), andererseits seien die errechneten Erträge aus dem Stagione-Modell „nicht realistisch“. Statt vier Millionen zu sparen, handelte sich die Deutsche Oper vielmehr eine „Schlechterstellung“ von fünf Millionen ein. Dafür das Repertoire von 70 Stücken auf null herunterzufahren, statt 190 nur mehr 100 Abende zu spielen und 156 technische Mitarbeiter zu entlassen, erscheint in der Tat aberwitzig.

Nun sind die Berliner Opernzahlen seit jeher geduldig. Ein jeder schraubt und feilt hier, wie er will. Wie die von Wowereit diktierten dramatischen Zuschussabsenkungen allerdings erreicht werden sollen, war an diesem Vormittag nicht in Erfahrung zu bringen. Die Intendanten, so Harms, arbeiteten an einem eigenen Konzept. Im Übrigen, och, baue sie auf die Kompetenz von André Schmitz, dem neuen Kulturstaatssekretär. In Kiel zumindest sei die Politik jenseits aller vom Theater geforderten Sparleistungen mit dem richtigen Sparwillen früher oder später durchaus zu beindrucken gewesen. Viele Grüße an Thilo Sarrazin?

Dieses also war der zweite Streich – und der dritte folgt ganz bestimmt auch ganz gleich.

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