Kultur : Auf Distanz

BORIS KEHRMANN

Schumanns "Der Rose Pilgerfahrt" im KammermusiksaalVON BORIS KEHRMANNAls philosophisch-weltanschauliches Oratorium mochte Marcus Creed Robert Schumanns Märchen für Solostimmen, Chor und Klavier "Der Rose Pilgerfahrt" nicht anlegen.Eher siedelte er es zwischen kleinbürgerlichem Singspiel und Liederzyklus an.Die Anleihen, die Schumanns Textdichter Moritz Horn bei Wilhelm Müllers "Schöner Müllerin" gemacht hat, traten so noch deutlicher zutage.Dessen Szenerie (Mühle am Bach), Personal (Müller und Jäger) und Problematik (Liebe, Treue) ist um Genremalerei aus dem "Freischütz" erweitert, durch den tanzenden Elfen-Reigen aus Shakespeares "Sommernachtstraum" romantisch-naturmystisch überhöht und durch den christlich-veredelten "Hamlet"-Totengräber vertieft.Durch das kleine Welttheater im sanften Bilderbogen-Stil Moritz von Schwinds wandelt auf den Spuren von Fouqués Undine die menschgewordene Rose, die als Jungfrau in der Beschränkung Größe, Erfüllung und Glück in Elternliebe, Gattenliebe, Mutterliebe sucht und findet.Auf diese gefährliche, von Schumann genial austarierte Wanderung auf dem Grat, wo das Süßliche ins Sublime kippt, wollte sich Marcus Creed allerdings nicht einlassen.Er umschiffte die Klippen des Kitsches in weitem Sicherheitsabstand und forderte Sprödigkeit, Herbheit, Distanz von dem wie immer mit hoher technischer Präzision klangvoll und biegsam gestaltenden RIAS-Kammerchor.Der Gestus der einzelnen Situationen wurde vorgeführt, nicht durchlebt.Mit der Gefühlseinheit verlor aber auch die musikalisch-dichterische Einheit an zwingender Kraft.Ohne den Glauben an Moritz Horn ist der zauberhafte Schmelz der Rose wohl nicht zu haben.Diesen Schmelz brachte Christiane Oelze in der Titelpartie in hohem Maße ein.Vor allem ihre Gestaltung der Todesszene wird man nicht so leicht vergessen.Werner Güra lieh dem Erzähler seinen schönen Schubert-Tenor.Brigitte Remmert und Hanno Müller-Brachmann waren ausgesprochene Luxus-Besetzungen für die Alt-Soli und die Partie des Totengräbers.Ergänzt wurde das 60minütige Oratorium auf stimmige Weise durch Männer-, Frauen- und gemischte Chöre, die Franz Schubert für gesellige Anlässe geschrieben hat und die sich ausnehmen wie Schubert-Lieder mit erweiterter Besetzung.Alle Reserve war hier wie weggeblasen, und so konnten die "Gondelfahrer", die sich mit ihrem ostinaten Baß wie eine Vorwegnahme der Comedian Harmonists ausnehmen, oder das hochironische "Ständchen", in dem Birgit Remmert als komödiantische Vorsängerin brillierte, unmittelbar zünden.

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