Kultur : Auf dünnem Eis

Spitzenlose und Spottpreise zum Ende der Auktionssaison in London

Matthias Thibaut

Raffaels Staatsporträt des Lorenzo di Medici, das erste bedeutsame Gemälde des Renaissancemalers seit Generationen in einer Auktion, wurde bei Christie’s in London zum drittteuersten Altmeistergemälde der Auktionsgeschichte. Telefonisch bot ein Privatsammler am Donnerstagabend 18,5 Millionen Pfund (27,3 Millionen Euro). Mehr zwar als Christie’s oberste Schätzung und doch weniger, als vor zwei Wochen ein Selbstporträt des Malers Francis Bacon kostete.

Beobachter sind sich einig, dass die Alten Meister im Vergleich zu den Werken der Zeitgenossen viel zu wenig kosten. Aber die besten und rarsten unter ihnen werden immer teuerer – auch wenn die Preise schwer kalkulierbar sind. „Wir haben eigentlich keine Ahnung, wie wir ein solches Werk ansetzen sollen“, gab Christie’s Experte Nicholas Hall nach der Versteigerung zu. Das Bild gehörte dem nun 78-jährigen Händler Ian Spanierman, der es 1968, ohne Zuschreibung, für rund 350 Dollar in einer Auktion kaufte. Ganz unumstritten war es nie, doch heute sind sich die Experten einig. Im schlimmsten Fall ist es nur eine von seinen Assistenten gemalte Replik des großen Dreiviertelporträts, das Raffael im Januar 1518 eilends malen musste, um Lorenzos Werben um die Hand der Madeleine de la Tour d’Auvergne zu beschleunigen. Aber ein Raffael ist es doch.

Er war nicht der einzige hohe Preis für ein Spitzenlos in den Auktionen. Eine Stiftung erwarb für die Kommune Sevilla das Bild der Heiligen Rufina von Velazquez – mit langer Märtyrerpalme und einem kleinen Stillleben aus irdenem Geschirr, wie es Velazquez in seiner frühen Periode in Sevilla gern malte. Wie der Raffael ist das Bild nicht im besten Zustand, mit dünnen und restaurierten Stellen, aber der Preis lag mit 8,4 Millionen Pfund beim Doppelten dessen, was das Gemälde 1999 in New York gekostet hatte und macht es zum teuersten Werk aus dem 17. Jahrhundert. Und es gab weitere Rekorde.

Der Münchner Händler Konrad Bernheimer, der Auktionen nur ungern ohne einen Lucas Cranach verlässt, zahlte für dessen Frauenporträt einen Rekordpreis von 1,8 Millionen Pfund (2,7 Millionen Euro). Eine kleine, feine Pietà des Bologneser Malers Il Domenichino erzielte drei Millionen Pfund. Eine Gruppe von Händlern lieferte sich ein langes Gefecht um eine herrliche Version des „Venus und Cupido“-Motivs von Rembrandts Schüler Ferdinand Bol, für das der Londoner Altmeistergalerist Johnny van Haeften mit dem zehnfachen Schätzpreis von 994 400 Pfund für sich entschied.

Aber vieles scheiterte an zu hohen Preisen oder war schlicht langweilig. Seit es nicht mehr zum guten Ton gehört, eine Altmeisterlandschaft, Genreszene oder ein Stillleben im Wohnzimmer zu haben, wird rigoros gesiebt. Man kann schöne Alte Meister heute zu vergleichsweisen Spottpreisen erwerben. Bei Christie’s blieben 40 Prozent der Bilder unverkauft. Man sah dieses gemischte Bild auch in der Turner-Sammlung des belgischen Barons Guy Ullens: Sie erreichte mit insgesamt 10,7 Millionen Pfund gerade die unterste Schätzung. Vieles, erst in den letzten Jahren erworben, fanden die Käufer zu teuer. Aber das beste Blatt, ein luftiges Aquarell des Luzernsees, wurde rasch auf 3,6 Millionen Pfund (5,4 Millionen Euro) gesteigert. Der Markt ist wählerisch, weil er sich seiner Zukunft nicht sicher ist. Kurios, denn Die Alten Meister haben Hunderte von Jahren überlebt und ihren Wert behalten. Anders als die teuere Contemporary Art.

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