Kultur : Auf eigene Faust

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Christina Tilmann über den neuen Streit um die Rückgabe von Beutekunst

Wenn es in den komplizierten Verhandlungen um die so genannte Beutekunst bislang eine goldene Regel gab, dann diese: keine Kompensationsgeschäfte. Dass etwa ein Zusammenhang zwischen der Rückführung der Glasfenster für die Marienkirche in Frankfurt/Oder und den mit deutscher Hilfe – und deutschem Geld – durchgeführten Rekonstruktionsarbeiten an der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche in Nowgorod besteht, suchten beide Seiten stets diplomatisch zu umschreiben. Ebenso, dass es bei der Rückgabe kriegsbedingt verschleppter Kulturgüter nicht nur um die Verbesserung des kulturellen Austauschs zwischen Deutschland und Russland, sondern auch um gewichtige materielle Interessen geht.

Wenn die russische Staatsduma sich nun in dieser Woche mehrheitlich gegen eine Rückgabe der BaldinSammlung „ohne entsprechende Gegenleistung“ ausgesprochen hat, sind damit gleich zwei Tabus gebrochen: Einmal ist offen ausgesprochen, dass es bei der auf 1,36 Milliarden Euro geschätzten Sammlung von hochkarätigen Zeichnungen aus der Kunsthalle Bremen nicht nur um die Wiederherstellung eines Rechtszustands geht – der russische Offizier Viktor Baldin hatte die Zeichnungen 1945 aus einem Schloss in Brandenburg geborgen –, sondern eben auch um ein materielles Tauschgeschäft. Zweitens hat die Duma über die Baldin-Sammlung eigentlich gar nicht zu entscheiden. Denn sie fällt nicht unter das umstrittene Beutekunst-Gesetz, das seit 1999 die Rückgabe nur solcher Kunstwerke untersagt, die auf Befehl der sowjetischen Besatzungsmacht verschleppt wurden: Baldin handelte auf eigene Faust.

Nur atmosphärische Störungen? Die Duma-Intervention ist knallharte Politik: Im Dezember stehen in Russland Neuwahlen an, und das Thema Beutekunst, verstanden als Wiedergutmachung für deutsche Kriegsfrevel im Zweiten Weltkrieg, ist ein sicherer Stimmenfang. Kulturminister Michael Schwydkoj, wegen seiner liberalen Haltung in Moskau ohnehin umstritten, gerät immer mehr unter Rechtfertigungsdruck. Denn ob die Sammlung wie geplant am 29. März nach Bremen zurückkehrt, steht derzeit in den Sternen: Die von der Duma geforderte rechtliche Überprüfung würde Monate dauern. Das deutsch-russische Kulturjahr, das Staatspräsident Putin vor vier Wochen glanzvoll in Berlin eröffnete, hat einen empfindlichen Dämpfer bekommen.

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