Kultur : Auf ein Unwort

Auch dieses Jahr haben wir, wie schon seit 25 Jahren, wieder ein "Unwort des Jahres". Dieses Wort, das nach Ansicht einer Frankfurter Jury immer das Letzte des jeweils letzten Jahres darstellen soll, heißt für 2001: "Gotteskrieger". Hinter dem Sieger landeten Begriffe wie "uneingeschränkte Solidarität", "Kreuzzug" und der "Topterrorist" auf den Plätzen.

Die aus hunderten von Vor-Voten gekürten Unwort-Worte geben uns, das ist wohl der Sinn des Spiels, zu denken. Geht es etwa um Moral oder um Sprachverballhornung? "Uneingeschränkte Solidarität" zum Beispiel mag man je nach ihrem Inhalt bezweifeln oder bejahen können. Aber was ist daran so unwörtlich oder gar unwirklich? Selbst ein "Topterrorist" legt uns die Stirn noch nicht in Falten - gibt es doch auch Spitzenpolitiker, Spitzenverdiener und Spitzensportler, die im selben Wortsinne "top" sind. Auch das Verbrechen hat seine blutigen Spitzen, und der alliterierende Topterrorist mag zwar kein angenehmer Zeitgenosse sein. Aber in die Ohren wie ein schlechter Unlaut sticht seine Wortspitze dennoch nicht.

Plausibler erschien uns die Wahl im Jahr 2000. Das Unwort für 1999 war der kriegsbürokratische "Kollateralschaden", und als "Unwort des Jahrhunderts" wählte die mit der Frankfurter Johann-Wolfgang-Goethe- Universität assoziierte Jury das nazistisch-biologistische "Menschenmaterial". Anders 2001. Da verfiel man (für 2000) auf die "National befreite Zone". Das ist schon mal kein Wort, sondern drei Worte; und die Wendung tönt zwar politisch anrüchig und inhaltlich idiotisch. Doch klingt in jener von ein paar Rechtsradikalen benutzten Formel kein öffentlich relevanter Sprachgebrauch "des Jahres" an. So hatte der offenbar besonders sprachkritische DGB-Landesverband Sachsen-Anhalt im letzten Jahr das letzte Wort, indem er in seiner Jury-Schelte auf das Lieblings-Unwort von 2000 Unwort-Einsendern aus der Bevölkerung verwies: Das war die deutsche "Leitkultur".

In diesem Jahr hat die Entscheidung für die bösen "Gotteskrieger" nun ihrerseits eine überraschend leitkulturelle Unterstützung erfahren. In einem von der FAZ soeben publizierten Geleitwort zum "Missbrauch religiöser Sprache" bescheinigt Wolfgang Huber, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, den Frankfurter Unwort-Wächtern "Pionierarbeit". Mit ihrem Verdikt gegen Gotteskrieger hätten sie "die Unvereinbarkeit des Glaubens an den gerechten und barmherzigen Gott mit dem Anspruch, Gott als Anwalt für Terror und Krieg in Anspruch zu nehmen, bloßgestellt". Bei solcher Unvereinbarkeit der Ansprüche möchten wir eigentlich applaudieren.

Doch Glaube und Wissen sind leider zweierlei, und Ideal und Wirklichkeit auch. Müssen wir den Bischof ernstlich auf die Geschichte der im Namen Gottes geführten Glaubenskriege und die unterschiedlichen Gesichter von Religionen und Religiösen, von Gott und Göttern aller möglicher Kulturen erinnern? Natürlich nicht. Denn Wolfgang Huber ist ein bekannt kluger, besonnener Mann. Und obschon Bischof, fragt man sich, welcher Teufel (welch ein gefallener Engel) ihn geritten hat, im gleichen Atemzug auch den umgangsprachlichen Gebrauch von "Hirten" und "Oberhirten", von "Schäfchen" oder gar nur den Worten "absegnen" oder "nachbeten" als "herablassende Metaphern" zu geißeln.

Worte statt Witze

Worte können wunderbar sein und auch furchtbar, manchmal gar töten. Sprache bedeutet Identität und für viele wohl Heimat. Doch ist Sprache auch Leben, und nichts Lebendiges ist völlig rein. Wofür Huber plädiert, das wäre ein gleichsam sakraler Sprach-Raum, voller Tabus - die auch Witz und Humor vor dem Herrn verböten. Soll aber der christliche Gott nicht über seine fehlbaren "Schäfchen" (und "Oberhirten") lachen können? Da war Homer mit dem Gelächter der alten Götter, mit dem scharfen Zeus und, welch ein Wort!, mit der "kuhäugigen" Göttermutter Hera schon weiter. Welch ein Segen.

Auch Gotteskrieger sind, genau genommen, Gotteskinder. Und weil Mister Bush im falschen Augenblick das Wort "Kreuzzug" benutzt, kann der Begriff darum nicht tabu sein, so: als hätte es Kreuzzüge politisch korrekterweise nie gegeben. Wenn indes alle religiösen Metaphern aus der weltlichen Sprache verschwänden, dann wäre auch bald die Religion aus der Welt. Also wollen wir doch lieber Parksünder sein dürfen oder unseren Diätfehler mit einem lächelnden "Ich habe heute mal gesündigt" bekennen. Ohne dafür zur Beichte oder vors jüngste Sprachgericht zitiert zu werden. Nur das Wort "Unwort" gehört sicher dorthin. Denn ein Wort ist noch immer ein Wort. Sogar als Unwort. Und Worte sind menschlich. Darum hat das Schlusswort der "Weltverbesserer", ein Philosoph des seligen, ungläubigen Thomas Bernhard. Er erkennt, angesichts einer kleinen Maus in der Mausefalle: "Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich."

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