Kultur : Auf einem Containerschiff in drei Monaten von Hamburg nach Hamburg

Rudolf Grimm

Wer in heutiger Zeit zu Schiff um die Erde fährt, riskiert kaum mehr, als daß er sich ein paar Wochen entsetzlich langweilt. Erspart bleiben ihm auf jeden Fall Dinge, die die ersten Weltumrunder erlebten. Auf fünf Schiffen stachen vor 480 Jahren vom spanischen Hafen Sanlucar de Barrameda 265 Männer in See - nur etwa 30 kehrten zurück. Unter ihnen war der Italiener Antonio Pigafetta, der an der Weltumrundung auf eigene Kosten teilgenommen hatte. Er ist in die Geschichte eingegangen als ihr präziser und anschaulicher Chronist.

Jetzt ist er der Titelheld eines Buchs, in dem es ebenfalls um eine Erdumrundung geht - auf einem Containerschiff in drei Monaten von Hamburg nach Hamburg. Pigafetta und sein Generalkapitän, der Portugiese Fernao de Magalhaes, geistern durch den Roman, den die deutsche Schriftstellerin Felicitas Hoppe aus Eindrücken, Beobachtungen, Phantasien, Verfremdungen sowie historischen und literarischen Anspielungen gesponnen hat.

Nach dem Horrorbericht des Adligen aus Vicenza ein Stück feinziselierter Literatur. Keine Abenteuer, keine Gefahren. Zwar gibt es an Bord des Containerschiffes auch die obligatorischen Rettungsübungen, doch ein solcher 163 Meter langer, 27 Meter breiter Koloß ist auch in stürmischster See ein sicherer Platz. Trotzdem, zum Unterwegs auf fernem Meer gehört auch das vage Bewußtsein möglicher Nimmerrückkehr. Ein Zinksarg steht bereit. Oder es schreckt der Gedanke, daß, wer schwimmen kann, nur langsamer umkommt. Doch schnell ist da wieder die durchaus nicht immer langweilige Routine des Frachteralltags - mit immer offenen Fluchtwegen in die Phantasie.

Hauptkriterium für den Erlebnisgehalt einer Reise um den Globus ist natürlich nicht die Gefährlichkeit. Aber was kann heute noch aus einem solchen Unternehmen gewonnen werden? Das Buch von Felicitas Hoppe gibt darauf eine indirekte Antwort. Wie es auch sonst ist: Der Mensch erlebt immer nur das, was er selbst den Dingen der Welt abgewinnen kann und in ihnen sieht. Eine Reise um die Erde kann deshalb auch eine höchst banale Angelegenheit sein, die ihr Geld und ihren Zeitaufwand nicht wert ist.

Nirgendwo ist der Horizont so weit wie auf einer solchen Reise, nirgendwo sonst kann auch der eigene innere Horizont so weit sein. Nirgends kann man sich so weit entfernt vom Alltag fühlen wie wochenlang auf hoher See, weit entfernt von der eigenen Vergangenheit und der eigenen Zukunft. Und für manchen mag wirklich wahr sein, was Hermann Graf Keyserling - Verfasser des "Reisetagebuchs eines Philosophen" - einmal sagte: Der nächste Weg zu sich selbst führt um die Erde.Felicitas Hoppe: Pigafetta; Rowohlt Verlag, Reinbeck 1999, 159 Seiten, 29,80 Mark.

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