Kultur : Auf Kuhweiden sind wir alle fremd

Chaos der leichten Art: Mit „25 degrées en hiver“ von Stéphane Vuillet beschließt die Berlinale ihren Wettbewerb

Kerstin Decker

Diesen Film erzählen? Niemals wird das Wort die Überfülle der Einfälle, diese Intelligenz der Bilder erreichen. Der allerletzte spanisch-französisch-belgische Wettbewerbsbeitrag von Stéphane Vuillet ist ein Meisterwerk der leichtesten Art. Und natürlich liegen am Grunde der Leichtigkeit unsere allergrößten Dramen.

Es gibt vielleicht eine einzige Szene im Film, bei der man nicht – selbst dort, wo man weinen möchte – lachen muss. Kurz vor Schluss begräbt ein kleines Mädchen mit tiefstem Ernst seine neue Barbie-Puppe am Strand. Die Puppe hat eine US-Fahne und statt eines Kopfes einen Plaste-Schmetterling. Die Puppe war im Päckchen der Mutter, die jetzt in Amerika wohnt. Den Kopf hat ein anderes Mädchen in der Schule abgerissen und eine fremde Frau im roten Kleid steckte den Schmetterling oben drauf. Das Mädchen begräbt mit der Puppe die Welt der Erwachsenen. Sie können dir nicht helfen, nicht sich selber und Kindern schon gar nicht.

„25 degrés en hiver“ hat drei Anfänge. Auf dem Weg vom Brüsseler Abschiebegefängnis zum Flughafen fliehen bei einer Kollision zwei Frauen. Der nächste Anfang ist der Vorspann als Sternenhimmel mit den Sternzeichen als Verlängerung der Schauspielernamen – zurecht: Jacques Gamblin, Carmen Maura, Ingeborga Dabkunaite. Der dritte findet den Spanier Miguel bei sich zu Hause in Brüssel im Bett. Seine kleine Tochter sitzt schon fertig angezogen und mit Schultasche auf dem Bett. Ihr Papa telefoniert mit seinem Arbeitgeber, sagt ihm noch im Schlafanzug, auf welchem Autobahnabschnitt er sich befindet, und wenn er hastig den Pullover überzieht, entschuldigt er sich für die Tonstörung im Autobahntunnel. Drei Minuten, und wir wissen, wer dieser Miguel, Mitarbeiter im spanischen Reisebüro seines Bruders ist. Einer, der nichts auf die Reihe kriegt, aber das unter Aufbietung seiner letzten Kraft. Und als er dann wirklich losfährt und in einen Stau am Flughafen gerät, sitzt plötzlich eine fremde Frau in seinem Wagen.

Der Beginn eines außerordentlichen Tages. 25 Grad im Winter, in Brüssel, sagt der Autowetterbericht. Vuillets Bilder haben von Anfang an ihren eigenen Humor, Brüssel zieht sich zusammen zu einem skurrilen Bilderbogen. Vuillet lässt Miguel, dessen Tochter, Mutter und die Lehrerin aus der Ukraine (die in Brüssel ihren Mann suchen will) einen jener Tage erleben, die lang wie ein Jahr sein können. So etwas kommt zwar auch in Trivialkomödien vor. Der Unterschied ist: Nur scheinbar erleben sie dasselbe, jeder Mensch hat seine eigene Welt, in die sich alles übersetzt. Vuillet zeigt das. Als Miguels Tochter ihre Puppe beerdigt, hat die ukrainische Frau ihren ukrainischen Mann gefunden. Die beiden sprechen Russisch miteinander und es klingt wie eine Privatsprache der Liebe. Jede Liebe hat ihre Privatsprache, wie wir aus Ken Loachs „Ae fond kiss“ wissen. Diese Sprachen, fast unübersetzbar, sind die eigentlichen Residuen der Humanität.

Irgendwann steht Miguels Bruder, der Reisebüroinhaber, im Toreronanzug auf einer Kuhweide. Und kein Rindvieh beachtet den Mann in Knallrot. Natürlich sind wir alle Immigranten, nicht nur in Ländern, auch auf Kuhweiden und im Leben anderer Leute sowieso, das weiß man am Ende.

Heute 16.30 und 21 Uhr (Royal-Palast)

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