Kultur : Auf Linie

System und Sinnlichkeit: Zeichnungen im Berliner Kupferstichkabinett.

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Moiré-Effekt. Papierarbeit von Carsten Nicolai mit Kugelschreiber (50 mal 70 Zentimeter, 2010). Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2013 / Daniel Klemm
Moiré-Effekt. Papierarbeit von Carsten Nicolai mit Kugelschreiber (50 mal 70 Zentimeter, 2010). Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2013 /...

Es ist bloß der winzige Teil einer Linie. Ein nahezu unsichtbarer Bruch im komplexen Gefüge sich kreuzender Linien. Und dennoch kann man den Blick kaum mehr lösen, nachdem Andreas Schalhorn auf die kleine Wunde in der großartigen Arbeit von Channa Horwitz hingewiesen hat, eine Lücke. Das Blatt der jüngst verstorbenen Künstlerin sieht aus, als habe sie meterweise bunte Fäden verspannt. Die flüssige Farbe ihrer Pigmentstifte legt sich üppig und fast dreidimensional über das karierte Blatt. Nach einem System, das die Muster zwar präzise ordnet, sie dabei aber so verwirrend ineinander verschränkt, dass Orientierung kaum mehr möglich ist.

„Flowing 1“ von 1987 hängt am Eingang zur Ausstellung „System und Sinnlichkeit: Die Sammlung Schering Stiftung“ und demonstriert unmittelbar, wie breit im Kupferstichkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin der Begriff der Zeichnung gefasst wird. Er reicht weit über das Skizzenhafte, die bloße Vorstudie oder den Entwurf hinaus. Blätter von Jorinde Voigt, Nadine Fecht oder Malte Spohr machen leichthändig klar, wie reich das Instrumentarium in diesem Segment inzwischen ist. Ein Künstler wie Claude Heath, der in seinen „Archäologischen Zeichnungen“ von 2012 die Oberfläche mit einem Werkzeug aus der Steinzeit traktiert, stellt unter Beweis, dass man sogar ganz ohne Stift zeichnen kann.

Andreas Schalhorn als Kurator am Kupferstichkabinett sieht das ähnlich wie Heike Catherina Mertens, die das Kulturprogramm der Schering Stiftung verantwortet. Zum Glück, denn die beiden sind dank einer gemeinsamen Idee immer wieder aufeinander angewiesen: Seit fünf Jahren kauft die Stiftung zeitgenössische Werke auf Papier an und überlässt sie anschließend der Institution als ewige Leihgabe – wenn auch als Teil der Sammlung Schering Stiftung, wie sie innerhalb der Schau ausgewiesen ist. 20 000 Euro stehen jährlich dafür zur Verfügung. Das klingt nach wenig angesichts der explodierenden Preise auf dem Kunstmarkt, überstieg in manchen Monaten allerdings schon den Etat des Museums. Wer dazu junge Talente aufmerksam verfolgt und früh kauft, kann für den Betrag schon einiges erwerben.

Nadine Fecht ist ein gutes Beispiel für solch eine aufstrebende Künstlerin. Ihr Studium hat sie 2009 an der Berliner Universität der Künste als Meisterschülerin von Stan Douglas und Lothar Baumgarten abgeschlossen. Ein Charakteristikum ihrer eigenen, manchmal riesigen Blätter waren bislang schwarzweiße Muster mit verwirrender Optik. Für die Arbeit „Jedes Kollektiv braucht eine Richtung“ (2012) hat sie nun 1800 Einweg-Kugelschreiber zusammengebunden und in einer großen Bewegung über das Papier geführt. Wie ein Schwarm ziehen die Linien ihre Spur, wechseln abrupt die Richtung und ballen sich am Ende nervös zusammen.

Ihr Beitrag bildet einen starken Kontrast zur geometrisch strengen Channa Horwitz, die erst in jüngerer Zeit als über Achtzigjährige wiederentdeckt wurde. Ebenso zur international renommierten Jorinde Voigt (Jahrgang 1977) mit ihren Notationen, die aus der Sammlung des Kupferstichkabinetts stammen. Andreas Schallhorn hat die Ausstellung zum Jubiläum der Kooperation immer dort ergänzt, wo den einzelnen Kapiteln (noch) eine Position fehlte.

Denn die Zusammenarbeit geht über die ursprünglich terminierte Zeit von fünf Jahren hinaus. Sie wird fortgeführt und beschert dem Kupferstichkabinett hoffentlich weitere Werke von der Qualität einer Nadine Fecht, eines William Engelen, Ignacio Uriarte oder Tom Chamberlain. Dessen Blätter sind mal mit unzähligen Nadelstichen perforiert, mal mit einem feinen Gitter aus Buntstiften überzogen. Der Betrachter muss schon genau hinschauen, um die Punkte und Linien wahrzunehmen, die der britische Maler als visuelle Zeichensprache verwendet. Seine Werke stellen eine Herausforderung an die Wahrnehmung dar – eine Funktion, die das Zeichnerische seit jeher erfüllt. Chamberlain aber zeigt, wie weit die Mittel reichen, mit denen man die Sinne schärft.

In eine ähnliche Richtung weisen die Arbeiten von Carsten Nicolai. Von dem Künstler sind zahlreiche Editionen bekannt, in denen er physikalische Strukturen ästhetisch sichtbar macht. Andreas Schalhorn und Heike Catherina Mertens bestehen dagegen auf Originale und können nun drei große Moiré-Zeichnungen vorweisen, deren Vorteil ein individueller Duktus ist. Nicolai möchte „die Schönheit und Dynamik natürlicher Prozesse“ offenlegen, so Schalhorn. Dies gelingt ihm umso mehr durch das Unperfekte seiner von Hand gezogenen, sich in Wellen überlagernden Linien.

Hinter den Ankäufen vorwiegend nicht-figurativer Werke von deutschen, britischen und US-amerikanischen Künstlern steht die Absicht, das Museum als Ort für internationale Zeichenkunst zu etablieren. Die nahezu achtzig Blätter konstruieren eigene Universen. Nur selten, wie im Fall von Jenny Michel, bilden sie eine Wirklichkeit ab, die auch außerhalb der Blätter zu finden ist.

Eine weitere Ausnahme bildet die amerikanische Zeichnerin Linda Karshan, auf deren Blättern sich die absolute Körperkontrolle der Künstlerin visualisiert. Karshan orientiert sich am Tanz ebenso wie an meditativen Übungen, bevor sie zum stets vertikalen Strich auf dem Papier ansetzt. Ihre Gitter sind atemberaubend präzise und erinnern an jene feine Bruchstelle im fragilen Netz von Channa Horwitz, um das sich irgendwann wohl die Restauratorin des Hauses kümmern muss.

Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa / So 11 – 18 Uhr

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