Kultur : Auf nach China

Das Goethe-Institut muss sparen – und einer veränderten Welt gerecht werden

Christiane Peitz

Nein, willfährig ist das Goethe-Institut gegenüber seinem Geldgeber, dem Auswärtigen Amt, nun nicht gerade, wie in den Medien zu lesen war. Aber doch erschreckend defensiv. Da freut sich Generalsekretär Hans-Georg Knopp am Mittwoch in Berlin darüber, dass das Auswärtige Amt „in Aussicht gestellt hat“, die Zuwendungen 2006 nicht weiter zu kürzen. Und Präsidentin Jutta Limbach gesteht erst auf wiederholte Nachfrage ein, dass „die Beibehaltung des gesamten Institutsnetzes ohne Bewilligung weiterer Gelder nicht möglich“ sein wird. Im Klartext: Goethe mit seinen weltweit 128 Instituten in 79 Ländern geht’s schlecht. Von 2001 bis 2006 wurde das Institut um 16 Millionen auf 109 Millionen Euro heruntergespart und muss in diesem Jahr mit einer Unterdeckung von 7 Millionen Euro leben. Auch kreative Haushaltsführung hilft da nicht mehr, wie der kaufmännische Direktor Jürgen Maier erläutert.

Warum nicht lautstarker Trotz und Protest? Statt die Öffentlichkeit zu alarmieren, statt sich Bündnispartner zu suchen, hielt Goethe bislang weitgehend still. Liegt es an der Präsidentin, der es zwar nicht an charmantem Pragmatismus, aber offenbar an Durchsetzungsvermögen gegenüber den Kameralisten fehlt? Die Präsidiumssitzung vor zwei Tagen verlief kontrovers, sagt Limbach. Und dass man demnächst mit Außenminister Steinmeier ein Gespräch führen wolle. Wieso erst jetzt?

Oder liegt es an den häufigen Wechseln auf dem Posten des Generalsekretärs? Nach dem Ende der Ära Sartorius hatten Joachim-Felix Leonhard und Andreas Schlüter das Amt jeweils nur kurz inne, bis Knopp im August 2005 übernahm. Warum eigentlich wird klaglos hingenommen, dass der frühere Vorgesetzte Joschka Fischer ebenso wie sein Nachfolger Frank-Walter Steinmeier für auswärtige Kulturpolitik kaum mehr als warme Worte übrig haben? Jedenfalls spricht das Institut von den Segnungen der Kultur als Mittel der Krisenprävention inzwischen selbst häufiger, als auf sein Kerngeschäft zu beharren.

Die gute Nachricht: Der Sparzwang beschleunigt die Umstrukturierung, über die Goethe seit 2003 (!) nachdenkt. Bei der Gründung 1951 war es noch darum gegangen, in aller Welt für Deutschland als friedliche, freundliche Kulturnation zu werben. Seit der Wende 1989 wurden die Aktivitäten in Osteuropa verstärkt. Und nun, im Zeitalter der Globalisierung, sind weitere Weltregionen ins Zentrum gerückt: der arabisch-islamische Raum ebenso wie die aufstrebenden Mächte Indien oder China.

Wenn Hans-Georg Knopp nun betont, dass Mittel aus Europa in eben diese Regionen verlagert werden sollen, ist das zu begrüßen. Ebenso erfreulich die Absicht, flexibler zu werden und das knapp gewordene Geld mehr in Projektarbeit und weniger in feste Strukturen, sprich: Personal und Liegenschaften zu investieren. Das bedeutet aber auch: Schließungen. Eines hoffentlich nicht allzu fernen Tages wird es in Italien nicht mehr sieben Institute geben und dafür in China mehr als nur eins.

Allerdings lässt sich ahnen, welch beinharte Auseinandersetzungen derzeit hinter den Kulissen geführt werden. Auf der einen Seite Leute wie Knopp, der auch aus seiner Zeit am Berliner Haus der Kulturen der Welt reichlich Erfahrung mit Kulturarbeit angesichts der globalen Herausforderung mitbringt. Auf der anderen Seite die Besitzstandswahrer, die aufschreien, wenn die Filiale in Kopenhagen kleingeschrumpft wird und Genua oder Turin über die Klinge springen sollen. Knopp übt sich in der Kunst der Diplomatie. Sagt unmissverständlich: „Das Goethe-Institut zieht sich nicht aus Europa zurück.“ Sagt aber auch, in gewundenen Sätzen, dass es in Bologna selbst dann noch deutsch-italienische Kulturveranstaltungen geben wird, wenn Goethe dort nicht mehr präsent ist. Sicher ist: Wenn der neue Kurs realisiert werden soll, wird man nach zähen demokratischen Entscheidungsprozessen eine Streichliste verabschieden müssen, werden Voll-Institute verkleinert, Bibliotheken geschlossen. Es wird schmerzhaft sein.

Reformstau bei Goethe: Das British Council gibt nur noch 10 Prozent seiner Mittel in Westeuropa aus; dort hat man sich längst auf die neue Weltlage eingestellt. Bei Goethe sind es noch 42 Prozent – man denkt ja noch nach.

Die Kulturregion Europa lässt sich, schon wegen des zähen Ringens um eine europäische Verfassung, nicht zu den Akten legen. Die Neugier der Nachbarländer auf die immer noch blühende deutsche Kultur mit ihrer immensen Tradition, ihrer lebendigen Bühnenlandschaft, dem dichten Museumsnetz sowie einer aufregenden jungen Literatur-, Künstler- und Filmszene ist groß. Sie will befriedigt werden. Welches Interesse Inder oder Chinesen neben dem Erlernen der Sprache an der deutschen Kultur haben, muss erst mal geklärt werden. Goethe steckt im Dilemma: Wenn es beide Aufgaben erfüllen will, braucht es mehr Mittel. Und mehr Mut zur offensiven Veränderung.

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