Kultur : Auf nach Riga

Rosa von Praunheims Film „Meine Mütter“

Christina Tilmann

Kinderspiele, Kinderträume: Was wäre, wenn? Wenn er nicht das Kind seiner Eltern wäre, als das er im spießigen Frankfurter Vorort Praunheim aufgewachsen ist? Sondern das Kind ganz anderer, deren Spur sich verlor, im Riga der vierziger Jahre? Was wäre er dann: ein von Nachbarn verstecktes Judenkind, ein Nazisohn oder die Frucht der verbotenen Liebe zwischen einem Wehrmachtssoldaten und einer Lettin? Alles möglich. Doch wäre er wirklich ein anderer?

Der Berliner Filmregisseur Rosa von Praunheim war 58, als er von seiner Mutter Gertrud Mischwitzky erfuhr, dass er nicht ihr leiblicher Sohn sei. Sie habe ihn 1943 in Riga aus einem Kinderheim adoptiert, erzählt sie ihm. Viel mehr erfährt er nicht, nichts über die leibliche Mutter, keinen Namen, nichts über die Umstände der Adoption damals in Riga. Wenig später stirbt Gertrud Mischwitzky.

Und der Sohn macht sich auf die Suche in Riga. Und weil er Regisseur ist, ist die Kamera immer dabei. Im Villenvorort von Riga-Kaiserwald, wo er als Kind im Garten gespielt hat. Im Archiv, wo er nach Anhaltspunkten zu seiner leiblichen Mutter sucht. Und schließlich im Zentralgefängnis, wo er, wie sich herausstellt, 1942 geboren wurde: Es ließe sich kein finsterer Lebensbeginn denken als dieser karge Entbindungssaal hinter Gittern, mitten im Krieg.

Sehr persönlich, sehr berührend, sehr ehrlich und höchst spannend ist der Dokumentarfilm „Meine Mütter“, der nach der Premiere bei den Hofer Filmtagen und einer Voraufführung zum 65. Geburtstag des Regisseurs nun ins Kino kommt. So unwahrscheinlich es am Anfang scheint: Praunheim findet tatsächlich Spuren, findet den Namen seiner Mutter Edith Radtke auf einem Behördenantrag, findet ein Foto und sogar Verwandte im süddeutschen Raum. Aber er findet auch Indizien, die auf finstere Geheimnisse schließen lassen, auf die Liaison der Mutter mit einem SS-Mann, auf einen trostlosen Tod in der Psychiatrie. Irgendwann sucht Rosa von Praunheim nicht mehr weiter, die Spur des Vaters verliert sich.

Was wäre, wenn? Die Suche nach der Vergangenheit führte den Regisseur tief in die deutsche Geschichte. Es darf kein Märchen erwarten, wer als Sohn einer Deutschen im Riga der vierziger Jahre geboren wurde. Christina Tilmann

Broadway, FT Friedrichshain, Passage

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