Kultur : Auf Riff gelaufen

Eine

-

von Kai Müller

Kinos sind wie Schiffe. Wenn sie sterben, dann scheinen sie auf ein Riff zu laufen. Die Polstersessel, Projektoren und Vorhänge werden hinausgespült, verschwinden irgendwo, tauchen ab. Und es geht etwas verloren, an dem das Herz hängt. Denn wie bei Schiffen, den einzigen Verkehrsmitteln, bei denen Fortbewegung und Leben miteinander verschmelzen, ist das Kino mehr als eine Immobilie, ein Haus mit vier Wänden. Es ist eine Lebenswelt, in der wir – und sei es auch nur für die Dauer eines Leinwandkusses – heimisch sind. Francois Truffauts Œuvre wäre nicht denkbar ohne die leere, dunkle Gegenwelt des Kinos, wo der Schulschwänzer seine Vormittage verbrachte. Und auch Quentin Tarantino würde es heute nicht ohne das Billigkino geben, in dem er sich als Jugendlicher BMovies anzuschauen pflegte. Da spielt es keine Rolle, dass etliche der Filmpaläste, die in jüngster Zeit dicht gemacht haben, längst abgetakelte Fregatten waren. Furchtbar zerschundene Verführungsmaschinen, die sich mühsam über Wasser hielten.

Berlin hat eine ganze Armada solcher Seelenverkäufer eingebüßt: „Gloria“, „Marmorhaus“, „Filmbühne Wien“, „Astor“ und nun auch den „Royal Palast“. Der Kurfürstendamm als Kino-Meile existiert nicht mehr. Home-Entertainment lautet das Zauberwort, in dessen Schatten sich das Massenpublikum atomisiert – aufspaltet auf viele kleine Ich- und Du-und-Ich-Zellen. Man bleibt zu Hause, um der Wirklichkeit zu entfliehen. Bastelt sich aus DVD-Player, Breitbild-Fernseher und Dolby-Surround-Anlage eine kleine, perfekte Fluchtmonade, die nicht umsonst einer Flugzeugkanzel ähnelt.

Problem: In Flugzeugen will niemand leben. Okay, sie fliegen und das ist schön, aber nur für eine Weile. Wenn man gelandet ist, sitzt man plötzlich doch nur auf seinem Sofa und ahnt, dass der Gummibaum mal abgestaubt werden müsste.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben