Kultur : Auf Sand gebaut

Vor 60 Jahren wurde Preußens Ende erklärt. Das Urteil über den eigenartigen Staat fällt heute differenzierter aus als 1947

Bernhard Schulz

Geschichtliche Ereignisse werden stets von ihrem Ende her beurteilt. Im Nachhinein hat es oft den Anschein, als ob historische Entwicklungen notwendig auf dieses eine Ende hin vonstatten gingen. Ein Fehlschluss – auch bei der Auflösung des Staates Preußen durch den Alliierten Kontrollrat vor 60 Jahren, am 25. Februar 1947. „Der Staat Preußen, der seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland gewesen ist, hat in Wirklichkeit zu bestehen aufgehört“, dekretierte die Kriegskoalition im Gesetz Nr. 46, einem der letzten Akte, auf den sie sich einigen konnte. Preußen war ausgelöscht.

Das harsche Urteil bestimmte jahrzehntelang die öffentliche Wahrnehmung Preußens. Noch in der Auseinandersetzung über die Frage, welches die Hauptstadt des wiedervereinten Deutschland werden solle, flammte 1991 der alte Widerwillen gegen Preußen auf, gegen eine mit der Wahl Berlins befürchtete „Verostung“, ja „Verpreußung“ der Republik. Dabei enthält der Spruch von 1947 eine – freilich ungewollte – Einsicht: dass nämlich Preußen, als das Hitler-Reich 1945 endlich besiegt wurde, bereits untergegangen war. Ein widersprüchliches Gesetz: Da wurde ein Staat verurteilt und aufgelöst, der längst entseelt und zur bloßen Namenshülle verkommen war – und dessen „Aufgehen“ im Deutschen Reich jedermann hatte verfolgen können. Die Frage, wie viel denn nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, als sich der deutsche Nationalstaat herausbildete, noch von Preußen übrig blieb und wie viel dabei vom Bismarckreich und dessen Nachfolgern, der Weimarer Republik und dem „Dritten Reich“, aufgesogen wurde, hat die Geschichtsschreibung stets beschäftigt.

Doch die Virulenz, die die Suche nach dem untergegangenen Preußen so lange besaß, hat sich mit der deutschen Einheit von 1990 endgültig erledigt. Bei den zahlreichen nostalgischen Rückblicken rückte die ästhetische Seite Preußens in den Vordergrund. Preußens Arkadien in der Potsdam-havelländischen Schlösser- und Gärtenlandschaft bezaubert die Gemüter, ohne dass sich die Frage nach der Eigentümlichkeit des Staatswesens stellte, das solche Schönheiten hervorbrachte. Von den preußischen Wertvorstellungen, wie sie in der zerrissenen Weimarer Epoche politisch instrumentalisiert wurden, ist seit der Debatte über die verachteten „Sekundärtugenden“ ohnehin kaum mehr die Rede. Als ein brandenburgischer Innenminister vor einiger Zeit vorschlug, ein vereintes Bundesland Berlin-Brandenburg doch einfach „Preußen“ zu nennen, erntete er Kopfschütteln. Preußen ist Vergangenheit: geografisch, weil sich der Name ursprünglich auf die außerhalb des Alten Reiches gelegenen Gebiete weit im Osten bezog, die heute zu Russland und Polen zählen. Und begrifflich, weil der Ballast, der sich an den Namen angelagert hat, auch aus gelassener Distanz nicht geringer wird.

„Am Ende war nur noch Brandenburg“, resümiert der englische Historiker Christopher Clark im Schlusssatz seines Buchs, der in Großbritannien hochgelobten Darstellung „Iron Kingdom. The Rise and Fall of Prussia, 1600–1947“. Sie ist nun unter dem schlichten Titel „Preußen“ auf Deutsch erschienen – und wird die Diskussion über das, was wir von diesem seltsamen Staatswesen erinnern können und müssen, neuerlich beflügeln. Es bedurfte wohl des Blicks von außen, um unvoreingenommen an das belastete Thema heranzugehen.

Clark stellt die nur scheinbar naive Frage, wie es geschehen konnte, dass ein Land ohne natürliche Grenzen und ohne nennenswerte Ressourcen zu einer europäischen Großmacht heranwachsen konnte. Er fragt nach dem Beginn und nicht nach der von Wilhelminismus und späterer NS-Herrschaft verdüsterten Endzeit. Nur aus den bescheidenen, allen Großmachthoffnungen Hohn sprechenden Anfängen lässt sich die preußische Aufstiegs- und Verfallsgeschichte verstehen: Das ist der gedankliche Ansatz, unter dem künftig über dieses auf märkischen Sand errichtete Staatswesen zu reden sein wird.

Gewiss interessieren uns Heutige die jüngsten Jahrhunderte am meisten, das „lange“ 19. Jahrhundert von den Napoleonischen Umwälzungen bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und das für Preußen „kurze“ 20. Jahrhundert von 1918 bis zum alliierten Verdammungsurteil. Fridericus Rex, Projektionsfigur sentimentaler, nationalistischer und chauvinistischer Fantasien, taugt heute weder zum Leinwandhelden noch zum Seelenbalsam. Und das va banque, das er mit dem Lostreten des Siebenjährigen Krieges und der Einverleibung Schlesiens gewagt hat, liegt mittlerweile hinter dem milden Schleier der Wahrnehmung von seinerzeit üblichen Kabinettskriegen. Allein die konfliktreiche Geschichte der nie vollendeten Transformation Preußens in den deutschen Nationalstaat fesselt noch heute. Denn er erfüllte 1918 einigermaßen die Hoffnung der „deutschen Stämme“ von 1848 – und er markiert als Bismarcks „kleindeutsche“, Österreich ausschließende Lösung in geografisch nochmals verkleinerter Form den endlich geglückten Schlusspunkt deutscher Geschichte.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte These vom „deutschen Sonderweg“, derzufolge Deutschland eine von der westeuropäisch-atlantischen Entwicklung abweichende, autoritäre und quasi zwangsläufig bei Hitler endende Entwicklung genommen habe, beruht auf der Vermengung der genuin preußischen mit der nationalstaatlich-deutschen Geschichte. Christopher Clark arbeitet diesen Überlagerungsprozess auf faszinierende Weise heraus. Er zeigt, wie das alte Preußen, das mit der festgefügten Vorherrschaft des engstirnigen ostelbischen Junkertums geschlagen war, schrittweise von der ebenso modernen wie rücksichtslosen Politik vor allem Bismarcks transformiert wurde und wie Bismarck die Grundschwäche Preußens als einer Ansammlung disparater Territorien durch die Reichseinigung zu überwinden trachtete. Unter Wilhelm II., diesem „Medienmonarchen“, musste Preußen dann mehr und mehr hinter dem konstruierten Kaisertum und der Betonung des Nationalen zurückstehen. Und nicht zuletzt hinter Wilhelms unseligem „persönlichen Regiment“, einem völlig unpreußischen Ansatz.

Preußen war eben nie „national“. Im Gegenteil: Stets hatten „preußische Regierungen im deutschen Nationalismus die Aufhebung des dynastischen Prinzips gesehen“, urteilt Clark. Die Verherrlichung des Staates als einer metaphysischen Instanz, als Wirklichkeit gewordener Weltgeist, beherrschte die Gemüter seit Hegel, dem in Berlin lehrenden Schwaben. Nicht Brauchtum, nicht gemeinsame Traditionen bewirkten Preußens Zusammenhalt über Aberhunderte von Kilometern hinweg, sondern die Staatsidee – und deren praktische Ausformung in Gestalt einer höchst modernen, von herkömmlichen personalen Abhängigkeitsverhältnissen freien Bürokratie. Dass Lenin sein künftiges Sowjetrussland nach dem Vorbild der Reichspost organisiert haben wollte, ist mehr als eine hübsche Anekdote.

„Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben“, lautet das ernüchternde Fazit des Historikers. Der republikanischen Endzeit Preußens unter dem „roten Zaren“, dem sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Otto Braun, widmet er gebührende Anerkennung. Dass sich preußische Tugenden unter den labilen Verhältnissen der krisengeschüttelten Weimarer Republik bewährten, wird stets übersehen. Die Kriegsalliierten begriffen es erst recht nicht.

Ihnen stand eher das von Goebbels inszenierte Schauspiel des „Tages von Potsdam“ am 21. März 1933 vor Augen, mit dem der „böhmische Gefreite“ Hitler sich zum Erbwalter der preußischen Militärtradition erhob. Dass es urpreußische Offiziere waren, die später den Kampf gegen das NS-Regime führten, gehört zu den Ruhmesblättern eines Staates, der sich schon einmal aus tiefster Bedrückung buchstäblich neu erfinden musste, nämlich nach der Beinahe-Auslöschung durch Napoleon 1806.

Preußen und seine Staatsraison kommen nicht wieder. Die Anmut, die es besaß, lässt sich in Sanssouci und Rheinsberg bewundern. Die Probleme, mit denen sich das stets bedrohte Gebilde Preußen konfrontiert sah, sind im vereinten Europa wenn nicht alle gelöst, so doch institutionell gebändigt. Der Weg ist frei, Preußen in seiner ganzen Eigenart zu begreifen, als einen historischen Sonderfall, der staunen macht – in manch Schlechtem, aber auch vielem Guten.

Christopher Clark: Preußen. Aufstieg und Niedergang 1600 – 1947. Deutsche Verlags-Anstalt, München. 896 S., 39,95 €

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben