AUF Schlag : Aus dem Fließgleichgewicht

Rainer Moritz sitzt zwischen Frauen auf dem Trockenen

Rainer Moritz

Manchmal komme ich herum und fahre dann an die Universität Bamberg, um an einem Hanns-Josef Ortheil gewidmeten Kolloquium teilzunehmen. Dieses begann mit dem Vortrag des Autors, der die Gesetze des Liebesromans erläutern sollte. Froh gestimmt betrat ich den Hörsaal und freute mich auf das Kommende, zumal der Autor seit „Die große Liebe“ als Kenner der Materie gilt. In diesem Happy-End-Roman geht es nicht nur um die Liebe auf den ersten Blick und um gewagten Sex in engen Strandkabinen. Nein, das erotische Werben wird von feinen kulinarischen Szenen (mit Kutteln, Austern und Steinpilzen) begleitet und von nicht enden wollenden Gelagen mit kühlem italienischen Weißwein.

Nichts davon freilich war in den Bamberger Hallen zu spüren, obschon sich nicht wenige attraktive Frauen eingefunden hatten. Was mich ernüchterte, waren die Trinkgewohnheiten dieser Studentinnen. Mindestens ein Drittel von ihnen schien nicht in der Lage zu sein, eine Vortragsstunde ohne ihren ständigen Begleiter, die Mineralwasserflasche, zu überstehen. Permanent griffen diese mir immer fremder werdenden Frauen zu ihren 1,5-Liter-Plastikungetümen meist französischen Ursprungs und führten sich – es war ein eher kühler, regnerischer Abend – permanent stilles Wasser zu.

Alsbald gab ich es auf, den Ausführungen des Dichters zu folgen; alsbald kreisten meine Gedanken um diese unheilvolle gesellschaftliche Entwicklung. Warum nur trinken diese auf den ersten Blick sympathisch wirkenden Frauen ständig? Weil sie irgendwo gelesen haben, dass sich wahre Gesundheit nur einstelle, wenn man täglich mindestens drei Liter zu sich nehme? Weil sie Entzugssymptome feststellen, sobald das Volvic-Teil außer Reichweite ist? Keine von ihnen hat offenbar der weltweisen Catherine Deneuve zugehört, die gegen allen Zeitgeist festhielt: „Ich trinke, wenn ich Durst habe.“

Ja, so klug dachte man früher, während sich heutzutage, keineswegs nur in Bamberg, eine Leidenschaft fürs perlschwache Wasser manifestiert, die der Produzent Gerolsteiner in einer Marktuntersuchung analysierte. Die fränkischen Ortheil-Leserinnen lassen sich demnach der Zielgruppe der „Dauerbefeuchter“ zuordnen – eine Bezeichnung, die irgendwie nicht angenehm, ja sogar unfein klingt. Für diesen Trinktyp, dem „viele Studenten und Frauen“ mit „Mehrfachbelastung“ angehörten, sei es, so Gerolsteiner, wichtig, „sich ständig in einem sogenannten Fließgleichgewicht zu halten“. Vielleicht sollten diese Dauerbefeuchterinnen ja aufhören, weißweingetränkte Romane zu lesen, und sich stattdessen der Fachliteratur zuwenden. Ich empfehle Markus Del Monegos Standardwerk „Mineralwasser für Genießer“, das davon berichtet, dass der Geschmack der Marke Evian einen „zarten, mineralischen Hauch“ aufweise, während Cristalp aus der Schweiz im Abgang „etwas breit, leicht sättigend“ wirke. Mahlzeit.

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