AUF Schlag : Das menschliche Störfeld

Rainer Moritz macht sich Sorgen um das Gesundheitswesen

Rainer Moritz

Warum gehen Sie zur Arbeit? Ich gehe einer geregelten Beschäftigung nach, um mit Leuten zusammenzukommen. Nicht, weil ich zu jenen Philanthropen gehörte, die glauben, Sachen würden einem emotional nichts geben. Weiß ich doch seit Sandkastentagen, dass Sachen oftmals verlässlicher sind als das defizitäre Wesen Mensch. Ich will mich mit Kollegen austauschen, um mich weiterzubilden und mir neue Horizonte zu erschließen.

So erfahre ich beispielsweise zwischen Kaffeemaschine und Fotokopierer, wie es um die Servicequalität steht, wenn man in Pisa bei einer Billigfluglinie zweimal die Maschine verpasst. Und wie man Heilbutt mit einer Rosa-Pfeffer-Sauce zubereitet. Oder wie man mit der unfähigen Erzieherin einer Kita Problemgespräche führt. Am liebsten rede ich mit Kollegin Hanna B., die sich im Gesundheitswesen bestens auskennt und seit Monaten Therapien anwendet, die mir sehr fremd sind.

Mit Engelsgeduld erläutert mir Hanna B., wie ihr Heilpraktiker erkannte, dass ein Zahn ein Störfeld darstellte und dieses mit der Bioresonanzmethode beseitigt werden musste, was aber nur bei zunehmender Mondphase möglich war. Dann wurde der böse Zahn irgendwie abgekoppelt, so dass Hanna B.s Körper dachte, der Zahn sei schon weg. Um das zu überprüfen, trat Hanna, einen Urlaubstag opfernd, eine Reise an die Ostsee an, zu einem anderen Heilpraktiker, der erspürte (oder was auch immer), ob der Körper sich nun ohne diesen Zahn besser fühle. Darüber hinaus nimmt Hanna B. ein von einem chinesischen Akupunkteur zubereitetes Pulver zu sich, das wie alte Misosuppe schmeckt, wohingegen der Kontakt mit einem dänischen Heiler nur von kurzer Dauer war. Anders die Bowen-Technik, worunter man das dynamische System einer ganzheitlichen Muskel- und Bindegewebsanwendung versteht, das es der Kollegin erlauben soll, ihr von einem Reitunfall herrührendes Steißbeintrauma zu überwinden. Dieses sei, so der aktuelle Stand, die Ursache von Hanna B.s Gebrechen.

Alle diese Heilverfahren sind übrigens nicht billig, sagt Hanna B. morgens früh am Kopierer. Weshalb sie Tag für Tag zur Arbeit geht.

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