AUF Schlag : Der Download Gottes

Rainer Moritz über allerlei abendliche Gewohnheiten

Rainer Moritz

Wie verlief Ihr gestriger Abend? Wie gelang es Ihnen, sich auf die Nachtruhe und die neue Woche einzustimmen? Vielleicht halten Sie es ja mit den Tipps von Schlafexperten, die anraten, vor dem Gang ins Federbett jede Aufregung zu meiden, also nicht an das bevorstehende Business Meeting zu denken oder mit der Schwiegermutter anstehende Familienfeiern zu erörtern. Jeder pflegt da seine Rituale. Ich selbst zum Beispiel lebe seit Jahren gut damit, mich zu vormitternächtlicher Stunde dem Fernsehprogramm hinzugeben. Nichts entspannt mehr, als sich alte Folgen „Polizeiruf 110“ (am liebsten in Schwarz-Weiß und aus finsteren DDR-Zeiten stammend) oder „Der Alte“ (mit dem wunderbaren Siegfried Lowitz) zu Gemüte zu führen. Auf die Auflösung kommt es mir dabei nicht an. Ich delektiere mich an den vertrauten Seriengesichtern und an den Einblicken in Furnierwohnzimmer, die den schweren Atem des Gewaltverbrechens von anno dazumal ausströmen. Auch „Harald Schmidt“ erfüllte diese Entspannungsfunktion lange Zeit vorbildlich, ganz zu schweigen von Kultursendungen, die mir – ein Glas Rotwein in der Hand – genügend Freiraum geben, den verflossenen Tag Revue passieren zu lassen und mir einen hammerharten Text für den „Tagesspiegel“ auszudenken.

Neulich freilich, am Pfingstsonnabend, geriet mein Weltbild ins Wanken. Der Zeiger der Uhr ging stramm auf Mitternacht zu; ich stand noch unter der nicht geringen Erregung des DFB-Pokalendspiels zwischen Nürnberg und Stuttgart, als mich das „Wort zum Sonntag“ ereilte. Dieser geistliche Zuspruch hat sich – das sei für Menschen mit areligiösen Sehgewohnheiten erwähnt – im Lauf der Jahrzehnte stark gewandelt. Er gibt sich inzwischen sehr modern und vermeidet den Anschein, die Kirche sei ein sterbenslangweiliger Ort für ältliche Zeitgeistverweigerer. Manchmal singt zum Beispiel die urfröhliche Schwester Jordana aus Schwalmtal zur Gitarre, und manchmal, wie an Pfingsten, hilft uns Monsignore Stephan Wahl, ein fescher Mittvierziger mit jugendlicher Frisur, auf die theologischen Sprünge.

Letzterer leitet im Trierer Generalvikariat den Strategiebereich „Kommunikation und Medien“, was mir, hätte ich es früher gewusst, eine Warnung gewesen wäre. Gleich zu Anfang seiner Ausführungen – ich schreckte aus dem Ohrensessel hoch – ging Monsignore in die Vollen: „Man könnte sagen, der Heilige Geist, das ist so etwas wie ein Download Gottes.“ Allen Ernstes: er sagte „Download Gottes“! Wie danach Schlaf finden? Ist die Kirche folglich eine Benutzeroberfläche? Der Messdiener ein Screensaver und Jesus der oberste Webmaster? Meine Nachtgedanken wollten nicht zur Ruhe kommen. Das werde ich Monsignore Wahl, diesem Bibelsurfer, nicht verzeihen. Nach 23 Uhr bleibt mein Fernseher künftig kalt, aus Selbstschutz. Stattdessen lese ich in Peter Handkes „Der Bildverlust“ oder lege eine Patience.

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