AUF Schlag : Die Angst vorm Fahrstuhl

Moritz Rinke über Zufälle, die kein Zufall sein können

Moritz Rinke

Bei einer Lesung der Autorennationalmannschaft im Hotel „Bayerischer Hof“ in München liest der Schriftsteller Andreas Merkel die Geschichte „Herrndorf gibt nicht auf“. Sie handelt von einem verletzten Spieler im Wartezimmer der Reha-Klinik, der einen Artikel in „Best Life“ über Jon Bon Jovi liest mit dem Titel: „Bon Jovi ist komplizierter, als du denkst“. Es geht darum, dass Bon Jovi Angst vor dem Fahrstuhl fahren hat und schon als 13-Jähriger mit den Müttern seiner Freunde schlief.

In der Pause der Lesung steige ich in den Fahrstuhl und ich schwöre: Jon Bon Jovi! Wir fahren von der Empfangshalle in den achten Stock. Beim vierten Stock frage ich:

„Sorry, are you Jon Bon Jovi?“

„Yeah“, sagte der Mann.

„It’s amazing!!“, sagte ich. „Five minutes ago, there was a reading from the Autorennationalmannschaft and it was said, that you don’t like elevators?!”

Neben ihm stand eine errötete, etwa 45-jährige Frau, die ich schon mit anderen etwa 45-jährigen Frauen vor dem Hotel hatte stehen sehen, ich dachte, offen gestanden, das wären unsere Groupies.

„Bullshit“, sagte Jon Bon Jovi und zwinkerte der Frau zu, die sich etwas zu laut auflachend durchs Haar fuhr.

Ab dem fünften Stock dachte ich, dass es ja auch nicht so wichtig ist, was in „Best Life“ steht. Stimmt ja sowieso alles nicht, Bon Jovi hat ja überhaupt keine Angst vorm Fahrstuhl fahren und die errötete Frau konnte auch unmöglich die Mutter seiner Freunde sein.

„What a strange thing to meet in this Zusammensetzung, ich mean composition, in the Elevator from the Bayerischen Hof”, sagte ich, aber Bon Jovi sprang plötzlich im siebten Stock ohne die Frau aus dem Fahrstuhl und war weg.

Im Film „Magnolia“ gibt es einen Vorspann, in dem sich ein 13-jähriger Junge vom Dach eines Hochhauses stürzt, weil er die streitenden Eltern nicht mehr aushält. Als er springt und am offenen Fenster der Eltern vorbeifliegt, will gerade seine Mutter ihren Mann erschießen, trifft aber ihr vorbeifliegendes Kind. Das Kind fliegt, auf der Stelle tot, weiter an den Fenstern des Hochhauses vorbei und landet unten in einem Sicherungsnetz von Bauarbeitern. Zufall?

1968 in Neapel beim EM-Halbfinale zwischen Italien und der UdSSR steht es nach 120 Minuten 0:0, Elfmeterschießen gibt es noch nicht, der deutsche Schiedsrichter Kurt Tschenscher geht mit den Kapitänen und einer türkischen Münze mit Tor oder Ball in die Kabine. Es ist unglaublich heiß und es stinkt auch in der Kabine. Einer der Assistenten von Tschenscher öffnet alle Fenster, wogegen der sowjetische Sportminister noch Jahre protestieren wird. Der russische Kapitän überlässt dem Italiener die Wahl, der auf Tor setzt. Tschenscher wirft, Italien gewinnt und wird später Europameister. Zufall?

Natürlich ist es immer Zufall, wenn Italien Europa- oder Weltmeister wird. Und wenn nicht Toni oder Grosso der Ball vor die Füße fällt, dann ist es eben der Zugwind in einer Kabine in Neapel, dennoch gibt es Zufälle, wo man nicht mehr an Zufall glauben kann. Gut, das wahnsinnige „Magnolia“-Beispiel ist zwar aus einem Film, aber wenn eine deutsche Autorennationalmannschaft im Bayerischen Hof liest, was alle 1000 Jahre einmal passiert, und dann einer eine Geschichte vorträgt, in der man ja auch über eine Million andere Dinge schreiben könnte, aber nein, es heißt, Bon Jovi sei kompliziert und habe Angst vorm Fahrstuhlfahren – und fünf Minuten später treffe ich ihn im Fahrstuhl, wie soll man das kausal erklären?

Die Titelfigur von „Herrndorf gibt nicht auf“ saß übrigens auch im Publikum und lernte später an der Bar die Frau aus dem Fahrstuhl kennen. Dann ging alles so schnell, da hätte Kurt Tschenscher nicht mal mehr eine Münze werfen oder irgendein Fenster aufmachen können.

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