AUF Schlag : Die neue Abstinenz

Rainer Moritz über die Sexferne der Literatur

Rainer Moritz

Keineswegs gehöre ich zu den Menschen, die vorgeben, People- und Frauenmagazine nur ganz zufällig beim Friseur oder Zahnarzt zu lesen. Über diese Phase der Selbstverleugnung bin ich hinweg. Ich betrachtete es als Weiterbildungsverpflichtung, mich über alle belanglosen Themen unserer Gellschaft zu informieren, und weiß folglich, dass die geplagten Hochglanzerotikredaktionen alle zwei Jahre eine neue Flaute in deutschen Schlafzimmern verkünden. Ernst nehme ich das nicht, da kurz darauf das Gegenteil als zutreffende Gegenwartsdiagnose folgt. Zurückgekehrt von der Frankfurter Buchmesse, bin ich nun freilich ratlos, denn es ist offenkundig, dass zumindest die deutsche Literatur immer stärker unter sexueller Erschlaffung leidet.

Gewiss, gewiss, an Kopulationsbeschreibungen herrscht – sei es in Burkhard Spinnens „Mehrkampf“ oder Sibylle Bergs „Die Fahrt“ – kein Mangel. Doch besieht man sich die Stellungslagen genauer, zeigt sich, welch bleierne Lustlosigkeit da herrscht. Sex scheint neuerdings eine Beschäftigung zu sein, die Unwohlsein hervorruft oder so beschrieben wird, dass sie beim Leser Unwohlsein hervorruft. Selbst da, wo – wie in Robert Menasses „Don Juan de la Mancha“ – der erste Satz von Beischlaf befeuernden Chilischoten handelt, erleben wir wenig später einen Helden, dem die Lust am erotischen Austausch gehörig vergeht. Und wenn sich ein Roman wie Michael Kleebergs „Karlmann“ aufmacht, seitenweise Analverkehrsanordnungen zu präsentieren, erregt dies so großen Unmut, dass er nicht einmal auf die Longlist des Deutschen Buchpreises gelangt.

Und was, bitte, ist von einer in diesen Tagen erschienenen Anthologie zu halten, die den Titel trägt „Sex ist eigentlich nicht so mein Ding“ und mit männerverachtenden Sätzen wie „Warum Sex haben, wenn man auch so rauchen kann?“ beworben wird? Und was will mir der Betreiber des Frankfurter „Amor Eroscenter“ sagen, der die Buchmessenakteure als spröde Jammerlappen beschreibt, die sich damit begnügten, ein Glas Rotwein zu trinken und um 22 Uhr „allein ins Hotelbett“ zu steigen? Ganz im Gegensatz zu den Besuchern der Sanitätsmesse, die sich in der Vergangenheit als Knaller erwiesen haben ...

Das alles sind Zeugnisse, die daran zweifeln lassen, dass es mit der deutschen Gegenwartsliteratur aufwärts geht. Vielleicht, denke ich mir dann, sieht es in anderen Branchen, in anderen Kunstgattungen besser aus. Im Film zum Beispiel, der in den nächsten Tagen schon das „PornfestivalBerlin“ erlebt. „Unterhaltsam, horizonterweiternd, lustig, schamlos, verblüffend und sexy – das kann Porno sein“, lese ich darüber, ausnahmsweise auf meinem Büro-PC, und bin angenehm überrascht ... bis ich aufgeklärt werde, dass „die Zeiten von unappetitlichen Vorführungen unmotivierten Geschlechtsverkehrs“ vorbei seien. Ja, wo kommen wir denn hin, wenn auch noch der Porno anständig wird?

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