AUF Schlag : Drin sein oder nicht drin sein

Moritz Rinke über die Tücken von DSL-Anschlüssen

Moritz Rinke

Das Charlottenburger Tor auf der Straße des 17. Juni wird von einer blonden, ungefähr 26 Meter großen Frau dominiert. Sie tanzt in einem proportional kurzen schwarzen Rock auf beiden Seiten des neobarocken Schmuckbauwerks, und wenn ich da im Stau stehe, dann schaue ich an ungefähr 17 Meter langen elfenbeinfarbenen Beinen hoch, die anderen Männer auch, so macht Stau Sinn. Die Frau mit den 17 Meter langen Beinen heißt Alice, „Mein ein und Alice“ steht sehr originell in Höhe der Waden, sie wirbt fürs Surfen im Internet, dann fährt man weiter, guckt vielleicht noch mal in den Rückspiegel und singt „Auf Wiedersehn, mein schönes Mädchen“.

Letzte Woche habe ich in meine Kontoauszüge geguckt: 341, 45 Euro Lasteinzug AOL. Ich habe bei AOL Deutschland angerufen und gefragt, was das bitte soll, und dann hieß es, dass sei ALICE.

Ich sagte: „Die Blonde???“

„Ja“, antwortete die AOL-Kundenberaterin, „genau die.“ Ich hörte sogar einen fast vorwurfsvollen Unterton heraus, so als stünde ich der Kundenberaterin nahe, hätte aber ein Techtelmechtel mit ALICE. „Entschuldigung“, sagte ich, „mir wurden doch 341,45 Euro abgebucht, das Problem habe doch ich! Und abgebucht hat es AOL Deutschland!“

„Das kriegt aber alles ALICE, das ist eine Tochter von HANSE-NET, die berechnet Ihnen jetzt 1,5 Cent pro Minute, rund um die Uhr! Sie haben jetzt „Pay as you go“, Ihr Router ist aber auf „always on“ eingestellt, Sie sind also immer online, ob Sie drin sind oder nicht, das sind jeden Tag 20 Euro 70! Im November stehen bei Ihnen schon 210 Euro zu Buche, Sie sind jetzt Migrationskunde, die haben Ihre AOL-Flatrate gekündigt, und mich auch! Ende November ist hier Schluss, dann fahr ich nach Kuba!“

„Aha“, sage ich, „dann möchte ich aber kein Migrationskunde mehr sein, der always on ist! Wo kann ich bitte kündigen?!“

„Keine Ahnung“, sagte sie, „bei uns nicht, wir sind nicht mehr zuständig, aber ALICE betreut Sie noch nicht, da können Sie erst im Dezember kündigen.“

Ich schwöre, dass dies der Stand der Dinge ist, ohne Vorankündigung! ALICE, dieses Biest, Tochter der HANSE-NET, hat für 650 Millionen Euro AOL Deutschland gekauft, und jetzt befinde ich mich als Migrationskunde für 1,5 Cent pro Minute bis Dezember ALWAYS ON im Bermuda-Dreieck zwischen AOL, ALICE und HANSE-NET.

Wie grotesk! Und dann einen auch noch auf PAY AS YOU GO umzustellen, wo man doch ALWAYS ON im Router hat! Ich habe sofort meinen AOL-Sonderberater in Hamburg angerufen, der auch bald auf Weltreise geht, vorher will er sich noch für mich einsetzen, damit Rücklastschriften genehmigt werden, schließlich wurde ich ja mal geworben. Donnerstag habe ich bei der T-Com angerufen:

„Guten Tag, ich bin woanders Migrationskunde und möchte schnell zu T-Com, bitte ein DSL-Anschluss ohne ALWAYS ON, weil das bedeutetet ALWAYS PAY!“

„Haben Sie doch schon seit zwei Jahren, Call & Surf Basic two“, sagte der T-Com-Berater. „Scheiße“, dachte ich, wusste ich gar nicht, „dann brauche ich unbedingt die Zugangsdaten für meinen Router, damit man das umstellen kann, ich bin nämlich bei ALICE, dieser Schlampe.“

„Sie sind im T-Com-Kundenservice, Zugangsdaten gibt’s nur bei der Bestell-Hotline.“

Dort hieß es: „Bei uns gibt’s alles außer Zugangsdaten und Pizza, Sie müssen beim T-Online-Kundenservice anrufen.“

Ich schwöre, wenn man da anruft, dann geht danach das Telefon nicht mehr. Und ich weiß auch nicht mehr, ob wir die Welt wirklich noch verstehen, und ob die, die sie mit ihren grauenvollen Übernahmen, globalen Fusionen und untransparenten Always-on-Machenschaften behelligen, sie selber noch verstehen. So auf jeden Fall geht es nicht weiter, das ist ja so, als habe sich der Kapitalismus mit dem Kommunismus zusammengetan, und jetzt sitzt man da mit lauter Raubtieren, die nicht zuständig sind.

Vielleicht sollten wir uns alle auf Kuba treffen und noch einmal grundsätzlich reden. Bis dahin muss ich alle Stecker rausziehen.

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