AUF Schlag : Falscher Hase

Moritz Rinke lebt im Kloster und entschuldigt sich bei Charlottenburg

Moritz Rinke

Seit einer Woche bin ich im stillen Tal des Nozons. In Romainmotier im Bezirk Orbe des Kantons Waadt in der Schweiz. In einem Benediktinerkloster ohne Benediktiner. Es gibt nur noch eine Nonne, eine reformierte Nonne im weißen Gewand. Sie verkauft Broschüren über die romanische Stiftskirche, eines der ältesten Gebäude der Schweiz, es gibt ornamentale Wandmalereien von Maria Magdalena mit langem, offenem Haar. Die Nonne führt auch eine kleine Wirtschaft, in der man Biscuits essen kann. Ein Bild des heiligen Romanus von Candot, dem „Vater des Jura“, hängt an der Wand, daneben der Vogt von Bern und Jean de Seyssel, Prior von Romainmotier bis 1432, der wohnte in dem Zimmer, in dem ich jetzt schlafe.

Die Nonne serviert einen Kräutertee aus dem Tal des Nozons, das sich um Romainmotier herum erstreckt. Als ich das letzte Mal etwas serviert bekommen habe, war es ein Schultheiss auf Lanzarote in „Margrets Berlin-Klause“, auch so ein Retro-Ambiente: Statt Romanus von Candot oder dem Vogt von Bern waren es heilige Bilder von Harald Juhnke und Gustav Eder von Hertha 03 sowie der Gedächtniskirche.

In meiner Kolumne stand dann, dass es so ein rückwärtsgewandtes Berlin wahrscheinlich nur noch auf den Kanaren gibt und vielleicht noch in Charlottenburg. Dafür will ich mich nun offiziell entschuldigen. Es hagelte Proteste. Vorwiegend von Charlottenburgern. Dabei habe ich gar nicht „Charlottenburg“ geschrieben, sondern „Tiergarten“, das hat aber der Tagesspiegel einfach geändert, wahrscheinlich, weil er selber in Tiergarten ist.

In Romainmotier gibt es auch Lokalpatrioten. Es gibt die Stiftskirche und einen Mann, der sie jeden Abend mit Hingabe staubsaugt und das Liegegrabmal vom Prior poliert. Dann gibt es das Priorhaus mit der Nonne, die mir jeden Tag den Tee aus dem Tal des Nozons serviert, egal, ob ich ihn bestellt habe oder nicht. Gegenüber gibt es noch den Gasthof „Le Saint Romainmotier“, der im Winter nur an einem Tag geöffnet hat. Am Sonntag habe ich dort was Richtiges essen wollen, Kartoffeln, vielleicht Hase, auf jeden Fall etwas mit Soße.

„La carte s’il vous plaît!“, sagte ich.

„Seulement La Ratatouille de Romainmotier!“, sagte der Gastwirt, der aussah wie der Bruder von Louis de Funès.

„Pas de pommes de terre?“, fragte ich und fügte hinzu: „Un Hase? Je veux un Hase!“

„La Ratatouille de Romainmotier!“, wiederholte er etwas lauter.

„Bon“, sagte ich, „dann eben La Ratamotier!“

„La Ratamotier“ hätte ich nicht sagen dürfen. Der Gastwirt schloss die Augen, schlug sie langsam wieder auf und sagte plötzlich auf Deutsch: „Wiederhole du: La Ratatouille de Romainmotier!“

Ich sagte: „Ja, genau das nehme ich jetzt. Merci beaucoup“, aber der Gastwirt blieb so lange stehen, bis ich „La Ratatouille de Romainmotier“ wiederholt hatte.

Nach zehn Minuten bestellte ich es ab und rannte wieder zur Nonne, wer weiß, was der da alles hineingemischt hätte, die französische Schweiz ist ja schon ziemlich ausländerfeindlich, lustig, dies mal als Deutscher zu sagen ...

Es schneite. Bei der Nonne gab es wieder Biscuits. Seit fünf Tagen. Sie sagte freundlich, sie laufe jetzt hinüber ins Priorhaus. Dann sah ich sie über den Vorplatz der Stiftskirche gehen. Eine Nonne im Schnee.

Ich biss in das Biscuit und später sah ich plötzlich eine Tüte majestätisch über den Vorplatz mir entgegenschweben. Eine Nonne im Schnee ist wie ein unsichtbarer Engel. Ein unsichtbarer, aber unbeirrbarer Engel. In der schwebenden Tüte war der Kräutertee aus dem Tal des Nozons.

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