AUF Schlag : Hallo Fremder!

Moritz Rinkes Nacht der Toleranz in der Küche zwischen Es,Ich

Letzte Woche war ich bei den „Schönen Franzosen“ in der Nationalgalerie. Ich war quasi allein mit den Bildern, es war schon Feierabend, aber der RBB machte Filmaufnahmen mit Bildbesprechungen, und ich sollte „Das Mahl des Löwen“ von Henri Rousseau besprechen. Exotische Landschaft, in der ein Löwe seine Beute frisst, Ölgemälde, 1907. Die klassische Perspektive ist außer Kraft gesetzt, nur frontale Sichten, es gibt auch keine realen Licht- oder Schattenverhältnisse bei Rousseau, ich würde sogar von einem inneren Licht oder innerem Schatten sprechen, auf jeden Fall von keinem typischen Licht- und Schattenspiel des Impressionismus.

In der Nacht bin ich dann zum Kühlschrank, Sprudel holen. Mondnacht, Licht fiel auf die Küchentür, ein riesiger Schatten von einen Mann plötzlich frontal vor mir. Ich habe sofort zugeschlagen.

Die Kolumne tippe ich jetzt mit dem linken Zeigefinger, die rechte Hand ist gebrochen. Ich finde es auch ziemlich erstaunlich, am Abend im RBB noch über die Licht- und Schattenwirkung im Impressionismus zu reüssieren und nachts dann bei ähnlichen Wirkungen in der eigenen Küche komplett durchzudrehen.

Ich habe mir in der Charité überlegt, dass es wahrscheinlich eine Strafe ist. Nicht nur für die hochtrabenden Aussagen zum Impressionismus und zu den Licht- und Schattenwirkungen, von denen ich ja wohl definitiv keine Ahnung habe, sondern auch dafür, dass ich blöderweise die Neonazis in Halberstadt am liebsten selbst verprügeln wollte, als ich vorm Einschlafen im „Spiegel“ las, was sie dort mit den Theaterleuten machten. Ich dachte: Mit denen kann man gar nicht mehr reden, die müsste man mal selber aufmischen! Außerdem wollte ich vorm Einschlafen auch Salman Rushdie im iranischen Parlament zusammen mit der Queen zum Ritter schlagen, danach die radikale Hamas in Gaza eliminieren, im Irak und in Sachsen-Anhalt mal richtig aufräumen, über Polen Pornohefte abwerfen, bisschen Putin vergiften ... (Zu viel „Spiegel“ in der Nacht ist echt nicht gut!)

Aber kann man mit solchen Gedanken ohne Strafe zu Bett gehen und am Morgen einfach wieder so aufstehen? Wohl eher nicht. Wenn ich dem RBB jetzt ein Interview über „Psychoanalyse für Arme“ oder so geben müsste, würde ich sagen: „Eine Art impressionistischer Neonazi oder Fundamentalist oder innerer Putin ist als Es nachts in der Küche erschienen. Dann kam es zwischen Es und Ich zur Interaktion.“ Genau, nur leider war zwischen Es und mir die Tür dazwischen, eine Scheiße ist das, das war ’ne deutsche Eichentür.

Die Botschaft der Kolumne lautet also: „Erkenne dich selbst!“, wie immer. Oder wie der Tagesspiegel-Leser sagen würde: „rerum cognoscere causas“, dann brauche ich auch keinen Gips. Die Aufgabe für das nächste Mal besteht darin: Nicht gleich losschlagen, sondern erst mal etwas sagen wie „Hallo Fremder, so spät in meiner Küche? Nenn’ mir einen Grund!“ oder einfach einen Sprudel anbieten. Das wäre Dialog, da müssen wir als Gesellschaft hin.

Übrigens war Rousseau ein bisschen wie ich. Er war ein Haudegen und nahm am gefährlichen Feldzug der Franzosen durch den Dschungel von Mexiko teil. In Wahrheit aber kam Rousseau gerade mal bis zu den Botanischen Gärten in Paris.

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