AUF Schlag : Ohne Preis kein Fleiß

Rainer Moritz beugt sich inbrünstig den Tabus des Literaturbetriebs

Rainer Moritz

Über manche Dinge sollte man schweigen. Das ist kein verkürztes Wittgenstein-Zitat, sondern eine Erkenntnis, die sich im Literaturbetrieb aufdrängt. Natürlich darf man, rein theoretisch, über alles reden, sofern man in Kauf nimmt, dass hinterher keiner mehr mit einem spricht. Zum Beispiel hätte ich nicht übel Lust, laut auszurufen, dass es in Deutschland viel zu viele Literaturpreise gibt. Täte ich das, wäre mir geballte Verachtung gewiss, von Autoren sowieso, weil die – wenn sie nicht gerade Daniel Kehlmann oder Andrea Maria Schenkel heißen – inzwischen nicht selten remissionsbereinigte Absatzzahlen im dreistelligen Bereich aufweisen und deshalb von den zahllosen Stadtschreiberpöstchen und Auszeichnungen leben müssen, die sich Kulturbeauftragte in stillen Stunden für sie ausdenken. Diese Würdigungen heißen dann etwa Dormagener Federkiel, Irseer Pegasus, Friedrich-Gerstäcker-Preis, Limburg-Prosa-Preis oder Hans-Henning- Holm-Preis und haben wenigstens den Vorteil, dass die Geehrten nicht wie in Potsdam genötigt werden, auch noch Wohnung in den Mauern der großzügigen Gemeinwesen zu nehmen.

Wenn man sagen würde – ich tue das nicht! –, die Hälfte dieser Förder- und Hauptpreise führe zur oft beklagten Überproduktion auf dem Buchmarkt und ermutige mit Sicherheit die falschen Leute, sich wieder und wieder neue (nicht mehr als zehn Normseiten umfassende) Wettbewerbsprosastücke abzuringen, wäre man sofort als zynisch saturierter Unkreativer verschrien, ja, vielleicht sogar als Wirtschaftsliberaler. Das ist die schlimmste Schmähung, die man einem Angehörigen des Kulturlebens an den Kopf werfen kann. Linksliberal, so wie früher Gerhart Baum und Hildegard Hamm-Brücher, das geht noch, wirtschaftsliberal aber ist so ziemlich das Letzte.

Ebenso will ich nie mehr in Versuchung geraten, über die Klüngelei bei Preisvergaben zu klagen oder gar anzumerken, dass manche Verleger und Schriftsteller Preise im Sechserpack zu bekommen scheinen, während andere, die keine Juryprosa schreiben und kontaktarm sind, ständig leer ausgehen. Als ich dergleichen einmal andeutete und Namen von zahlenmäßig Begünstigten anführte, wurde ich Stunden später von einem der Genannten am Telefon rüde angegangen. Den Teufel werde ich tun und mich noch einmal als Nestbeschmutzer betätigen. Stattdessen freue ich mich auf heute Abend, wenn in Frankfurt am Main der Deutsche Buchpreis verkündet wird. Der lohnt sich wenigstens wirklich und bringt dem Gewinner, leider nur ihm, satte Umsätze ein – womit ich keineswegs Wasser auf die Mühlen des Wirtschaftsliberalismus gießen möchte.

Recht besehen, könnte ich mir sogar eine Ausweitung der Preislandschaft vorstellen. Ehrungen für Kolumnisten etwa gibt es hierzulande viel zu wenige – ein unhaltbarer Zustand, der einer Gesellschaft wie der unsrigen unwürdig ist. Ich würde mich sofort um eine Axel-Hacke- oder Harald-Martenstein-Palme bewerben.

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