AUF Schlag : Rolle vorwärts

Rainer Moritz möchte als Bodenturner prämiert werden

Rainer Moritz

Wer einen Kulturpreis bekommt, der nach einem berühmten Künstler benannt ist, muss nicht unbedingt Hervorbringungen aufweisen, die dem Geist des Namensgebers entsprechen. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass der Georg-Büchner-Preis an Autoren vergeben wird, deren Werk mit dem des jung verstorbenen Rebellen so viel zu tun hat wie Otto Rehhagels griechischer Fußball mit modernen Spielsystemen. Vielleicht ist es ja zu viel verlangt, stets nach Parallelen zu suchen und von Erik-Reger-, Hermann-Hesse-, Kurd-Laßwitz- oder Marie-Luise-Kaschnitz-Preisträgern zu verlangen, wie Reger, Hesse, Laßwitz oder Kaschnitz zu schreiben. Ganz zu schweigen vom Hans-im-Glück-Preis, den die Stadt Limburg alle zwei Jahre vergibt.

Dennoch, alle Toleranz findet ein Ende, wenn Auszeichnungen zunehmend den Eindruck erwecken, dass die dafür Verantwortlichen vor allem eigene Originalität zu demonstrieren suchen. So verstehe ich – obwohl sich Alleinjuror Harald Schmidt alle Mühe gab, es zu erklären – bis heute nicht ganz, warum Alleinherrscherin Alice Schwarzer unbedingt mit dem Ludwig-Börne-Preis bedacht werden musste.

Kaum hatte ich das und Frau Schwarzers Selbstbeweihräucherungsdankrede halbwegs verdaut, ereilte mich die Nachricht, dass Anselm Kiefer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt werde. Es mag an meinem Unverstand liegen, dass es mir schwer fällt, in Kiefers Werk mehr als subkutane Aktivitäten für den Weltfrieden zu erspähen. Dass er, wie es in der gewundenen Jurybegründung steht, „das Buch selbst, die Form des Buches, zu einem entscheidenden Ausdrucksträger gemacht“ habe, klingt ... naja, bemüht, oder? Vielleicht wäre künftig an die verdiente Sängerin Daliah Lavi zu denken, die jahrelang Friedensbrücken zwischen Israel und Deutschland geschlagen und wegweisende Lieder wie „Wär’ ich ein Buch“ aufgenommen hat.

Überhaupt sind bei Preisüberlegungen der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Warum nicht Kurt Beck für seine Verdienste um die Entwicklung der Sozialdemokratie auszeichnen? Oder Jan Ullrich mit dem Ehrlichkeits-Award des nationalen Ethikrates und Reinhold Beckmann mit der goldenen Gesprächsführungsnadel des Instituts für deutsche Sprache ehren? Ungeahnte Möglichkeiten tun sich auf, und wenn ich auf meine Schrankwand blicke, ist hier durchaus noch Platz für Pokale. Wäre es nicht angemessen, meine Leistungen als Synchronschwimmer, Walzerkönig oder Turner endlich zu honorieren? Bei der Vergabe des Florian-HambüchenPreises könnte ich beispielsweise eine lange zurückliegende, aus Rolle vorwärts und Strecksprung bestehende Bodenkür in die Waagschale der Jury werfen.

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